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Kritik: Zama (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Nach ihrer Salta-Trilogie, den in ihrer Heimatregion angesiedelten Filmen "Der Morast" (2001), "Das heilige Mädchen" (2004) und "Die Frau ohne Kopf" (2008), hat sich die Argentinierin Lucrecia Martel das Buch eines Landsmanns vorgenommen. "Zama wartet" heißt die deutsche Ausgabe von Antonio di Benedettos Roman, der erstmals 1956 und 1967 in einer überarbeiteten Version unter dem schlichten Titel "Zama" erschienen ist. Martel macht aus dem Warten des Protagonisten ein sinnliches Erlebnis.

Schon der Einstieg gleicht einem Fiebertraum. Das Zirpen der Zikaden drängt sich in den Vordergrund. Die Sonne hüllt den Kinosaal in warmes Licht. Die hohe Luftfeuchtigkeit tropft in Perlen von der Haut. Don Diego de Zama (Daniel Giménez Cacho) steht allein am Fluss, seinen Blick sehnsüchtig in die Ferne gerichtet. Die Komposition erinnert an Gemälde Caspar David Friedrichs. Doch an diesem einsamen Wanderer ist nichts romantisch. Ganz im Gegenteil: Wie schon das Original zerpflückt auch die Adaption genüsslich das Historiengenre.

Das fängt bei der Handlung an und setzt sich in Lucrecia Martels eigensinniger Ästhetik fort. Im Grunde passiert knapp zwei Stunden lang nichts. Der von Daniel Giménez Cacho mit stoischer Grandezza gespielte Justiziar der spanischen Krone wartet auf seine Versetzung, und das Publikum wartet mit ihm. Wechselnde Vorgesetzte, variierende Bartlängen und der Verschleiß der Kleidung markieren die extremen Zeitsprünge. Zwischen manchen Einstellungen liegen Jahre erzählter Zeit. Zwischendurch sehnt sich der Beamte mal nach seiner unerreichbar scheinenden Familie, mal nach den erreichbar scheinenden Frauen. Doch Zama kann weder das eine noch die anderen haben. Also stürzt er sich im letzten, verzweifelten Akt des Dramas in eine aussichtslose Jagd, die irrwitzige Züge annimmt.

Dass sich die Zusehenden bei all diesen Nichtereignissen nicht langweilen, ist Martels große Kunst. Ihren ungeschönten Blick auf einen kurzen Zeitraum der spanischen Kolonialgeschichte überführt Kameramann Rui Poças ("Der Ornithologe", "Gute Manieren") in wunderschöne Einstellungen voll räumlicher Tiefe und perfekter Lichtsetzung. Die Leichtigkeit der Musik konterkariert die Erdenschwere der Figuren. Keine von ihnen wird ihren hehren moralischen Ansprüchen gerecht. Zamas Welt ist eine des lustvollen Zerfalls.

Je länger der Film dauert, desto mehr Ungereimtheiten schleichen sich ein. In Koversationen werden Aussagen Wort für Wort wiederholt, Gedanken überlagern die Dialoge, Schemen stehlen sich ins Bild, und ein verzerrter Sound, der entfernt an fallende Fliegerbomben erinnert, überlagert Szenen, in denen Zama der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Die nie ganz greifbare Bedrohung des legendären Banditen Vicuña Porto (Matheus Nachtergaele) schwebt als absurder Running Gag über dem Geschehen.

Träumt oder fabuliert Don Diego? Halluziniert er, deliriert er gar? "Die Vergangenheit ist auf unserem Kontinent etwas Unscharfes und Konfuses", sagt Martel. Sie habe sie mit der gleichen Respektlosigkeit erkunden wollen, mit der wir sonst über die Zukunft nachdächten. Martels Film verharrt geradezu meisterhaft in dieser konfusen, respektlosen Unschärfe.

Fazit: Lucrecia Martels "Zama" ist die kongeniale Verfilmung von Antonio di Benedettos gleichnamigem Roman. Ihr Kolonialdrama, das den Abenteuermythos genüsslich dekonstruiert, ist ein sinnliches Erlebnis. Wunderbar fotografiert, gespielt und eigenwillig inszeniert.




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