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Kritik: 8:30 (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Wie die Hauptfigur heißt, erfahren wir erst im Abspann. Denn in "8:30" fällt kaum ein Wort. Dass dieser Isaac (Florian Nolden) ein Außenseiter ist, begreifen wir gleich zu Beginn. Der Zug zur Arbeit rattert, ein Schlagzeug hämmert hohl. Während seine drei Kollegen auf ihre Mobiltelefone starren, liest Isaac in der angrenzenden Sitzgruppe eine Zeitung. Auch auf dem gottverlassenen Vorstadtbahnhof steht er separat, blickt in die entgegengesetzte Richtung. Zu Gitarren und Trommeln fallen die vier Handelsvertreter wie in einem Western in das Kaff ein, erst in Vogelperspektive, dann in Zeitlupe gefilmt. In den folgenden knapp 70 Minuten verstehen wir nur noch Bahnhof.

Filmemacherin Laura Nasmyth ist Ausstatterin und Künstlerin, ihr Koregisseur und Kodrehbuchautor Philip Leitner Musiker und bildender Künstler. Ein ausgeprägter Stilwille ist auch "8:30" nicht abzusprechen. Jede Einstellung ist perfekt kadriert. Die Symmetrie und Gleichförmigkeit unserer perfekt durchgetakteten Welt spiegelt sich in den austauschbaren Ansichten einer einfallslosen Transport- und Wohnarchitektur. Die schönen Bilder sind mit einem irritierenden Sounddesign kombiniert. Die Tonspur verstärkt die kleinen, in anderen Filmen häufig ungehörten Klänge wie das Zirpen der Grillen und das Summen der Stromleitungen. Das ergibt eine äußerst ansprechende Mischung für die Sinne.

Doch so sehr das audiovisuelle Konzept auch überzeugt, die Geschichte enttäuscht. Dass Isaac in einer Raumschleife gefangen ist, begreifen wir nicht sofort. Auch im Anschluss bleibt vieles vage und kryptisch. Spielt der Film in Österreich oder in den Vereinigten Staaten, für die Drehorte in Österreich als Ersatzkulisse dienen? Welche Funktion erfüllen die völlig aus dem Zusammenhang gerissenen Interviewsituationen, in denen für die eigentliche Handlung irrelevante Personen von den unterschiedlichsten Dingen erzählen? Vermischen sich am Ende digitale und physische Realität?

"8:30" wirft mehr Fragen auf, als Antworten zu liefern. Das muss zunächst einmal nichts Schlechtes sein. Andere Filme und Regisseure – David Lynch kommt einem in den Sinn – schlagen aus ihrer Rätselhaftigkeit und Deutungsvielfalt fast ihr komplettes Kapital. Trotz allem haben sie aber eine dichte, konsequent zugespitzte und mitreißende Dramaturgie, die "8:30" völlig abgeht. Nach einem starken Auftakt verlieren sich Nasmyth und Leitner mit ihrem Protagonisten in erzählerischer Belanglosigkeit. Für einen wortkargen Hauptdarsteller in einem beinahe wortlosen Werk ist Florian Nolden zudem nicht charismatisch genug. "8:30" ist von allem ein bisschen und nichts richtig und dabei vor allem eins: unentschlossen.

Fazit: "8:30" ist ein audiovisuell beachtlicher Mystery-Film, der sich jedoch zu schnell in narrativer Belanglosigkeit verheddert. Mit der wenig charismatischen Hauptfigur dreht sich auch die lose Handlung schnell im Kreis. Schön anzusehen, aber unglaublich zäh und viel zu vage und unentschlossen erzählt.




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