VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Warten auf Schwalben
Warten auf Schwalben
© missingFilms

Kritik: Warten auf Schwalben (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

"Warten auf Schwalben" ist Karim Moussaouis Langfilmdebüt. Der 1976 geborene Regisseur arbeitete in Algier als Filmkurator, ehe er die Seiten wechselte. Sein mittellanges Drama "Die Tage davor" (2013), das beim Festival in Locarno seine Premiere feierte, spielte während des algerischen Bürgerkriegs in den 1990ern. Nun richtet Moussaoui seinen Blick auf die Gegenwart. "Warten auf Schwalben" ist ein filmischer Querschnitt seines Heimatlandes – geografisch, ökonomisch, sozial – und verknüpft mehrere Schicksale geschickt miteinander.

Moussaouis Leitmotiv ist die Bewegung. Seine Figuren, die er gemeinsam mit Koautorin Maud Ameline detailliert ausgearbeitet hat, sind in doppelter Hinsicht unterwegs. Zunächst einmal fahren sie im wörtlichen Sinn unentwegt von einem Ort zum anderen. Im übertragenen Sinn ist ihr Leben an einer entscheidenden Weggabelung angelangt. Daneben stellt der Regisseur den Stillstand: erstarrte Bauvorhaben, Traditionen und Menschen.

Moussaoui wirft sein Publikum mitten ins Geschehen. Mourads (Mohamed Djouhri) schwarzer Wagen bahnt sich seinen Weg durch Algiers Straßen. Im anschließenden Gespräch klagt seine Ex-Frau Lila (Sonia Mekkiou) über die Orientierungslosigkeit der Jugend, über all deren vergeudetes Potenzial. "Wenn du die heutige Welt nicht verstehen kannst, halte dich an vergangene Zeiten", hält ihr Mourad entgegen und legt Johann Sebastian Bachs Kantate "Ich habe genug" auf den Plattenteller. Das Stück wird an zwei entscheidenden Punkten wiederkehren. Doch nicht jeder der Protagonisten gibt sich mit dem, was er hat, zufrieden.

Zunächst deutet nichts darauf hin, dass es sich bei "Warten auf Schwalben" um einen Episodenfilm handelt. Doch dann schwenkt der Regisseur unversehens von Mourad zu dessen Angestelltem Djalil (Mehdi Ramdani), und das Publikum wird zum Passagier. Moussaouis filmische Reise durch sein Heimatland führt von Algier über die Oasenstadt Biskra bis nach Sétif; vom Bildungsbürgertum bis zur Arbeiterklasse, von geschmackvoll eingerichteten Altbauten über geschmacklos eingerichtete Neubauten bis in die notdürftig zusammengehaltenen Elendsquartiere. So turbulent die Schicksale der Figuren auch sein mögen, das stimmig zusammengestellte Ensemble spielt durchweg ruhig, aber bestimmt.

Der abrupte Wechsel von einer Figur zur anderen bleibt nicht der letzte Bruch. Inmitten einer kargen Wüstenlandschaft wird aus dem Drama plötzlich für eine Sequenz ein Musical. Zur deutschen Kirchenmusik treten algerische Klänge – vom Jazz eines Mohamed el Kamel bis zu Raïna Raïs Mischung aus Folk und Rock und Bilal Mignons Elektropop. Auch hier halten sich die Sehnsucht nach vergangener Vertrautheit und die Hoffnung auf die Moderne die Waage. Und während die einen regungslos lauschen, tanzen die anderen ihrer Zukunft entgegen.

Fazit: Karim Moussaouis Langfilmdebüt ist ein clever verwobener Episodenfilm, der einen Querschnitt durch die algerische Gesellschaft bildet. Moussaoui zeigt mit einem stimmig zusammengestellten und ruhig agierenden Ensemble ein Land zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Stillstand und Aufbruch.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.