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Kritik: Waldheims Walzer (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Der Mix aus filmischem Essay und dokumentarischer Aufarbeitung feierte seine Weltpremiere bei der diesjährigen Berlinale. "Waldheims Walzer" wurde dort mit dem Glashütte Original Dokumentarfilmpreis prämiert. Die österreichische Regisseurin Ruth Beckermann hat einen persönlichen Bezug zum Thema: Sie ist das Kind zweier Holocaustüberlebender. Bekannt ist Beckermann vor allem für ihre Anfang der 80er-Jahre gestartete Filmtrilogie, die aus den Dokumentationen "Wien retour", "Die papierene Brücke" und "Nach Jerusalem" besteht. Thematisch geht es in den Filmen unter anderem um die verschiedenen Arten bzw. Aspekte jüdischer Identität und um das Thema "Reisen als filmischer Inhalt".

"Waldheims Walzer" zeigt beispielhaft, wozu das Leugnen der eigenen Vergangenheit – und damit der individuellen Verantwortung – führen kann. In erster Linie wenn sich all dies auf der Weltbühne der Politik ereignet. Denn gerade wer politische Ämter bekleidet oder sich um ein solches bewirbt, darf seine "historischen Fehler" nicht unter den Teppich kehren und vertuschen, sondern muss sich ihnen stellen. Waldheim, das zeigen die vielen großartigen Archivaufnahmen und die TV-Bilder aus der damaligen Zeit, war ein Meister der (Selbst-) Inszenierung und Täuschung. In Talkshows und bei öffentlichen Kundgebungen leugnete er (durchaus glaubhaft) seine Verstrickungen in die NS-Apparatur.

Zudem verstand er es mittels seiner rhetorischen Fähigkeiten und seines Charismas, die Menschen immer wieder zu täuschen und um den Finger zu wickeln. Er umschmeichelte die Österreicher, versprach ihnen eine bessere Zukunft und zeigte sich unbeeindruckt von den Untersuchungen des Jüdischen Weltkongresses gegen ihn und die Demos im Land ("Sie werden nichts finden, wir waren anständig"). Die Folge: Waldheim gewann die Stichwahl und wurde Bundespräsident. Doch die Affäre blieb nicht folgenlos. Österreich geriet in die internationale Isolation. Waldheim wurde bis 1992 von keinem westlichen Staat eingeladen und er selbst erhielt nur von wenigen (meist osteuropäischen) Staatschefs Besuch.

Die Verbindungen zur Gegenwart und zu den aktuellen internationalen Protesten gegen Trump sowie seine populistischen Kollegen (Erdogan, Assad etc.) sind offensichtlich: Damals wie heute führen Halbwahrheiten, "fake-news", Beschönigungen und manipulativ eingesetzte Nachrichten zu einer Spaltung der Gesellschaft. Auf diese Weise schlägt "Waldheims Walzer" auf ebenso dringliche wie beeindruckende Weise den Bogen in unsere heutige Zeit. Noch eine Notiz am Rande: Beckermann reicherte ihren Film mit Aufnahmen an, die sie in den 80er-Jahren selbst von Waldheim mit ihrer Videokamera machte, etwa bei öffentlichen Auftritten und Wahlkampfveranstaltungen. Im Film kommentiert sie diese Stellen und Szenen entsprechend.

Fazit: Akkurat recherchierte und aufwendig aufbereitete, unbedingt sehenswerte Doku über einen Politskandal, der für viele Jahre ein ganzes Land erschütterte.




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