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Kritik: Sweet Country (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Warwick Thornton wurde 1970 als Mitglied des Kaytej-Stamms im zentralaustralischen Alice Springs geboren. 1500 Kilometer von allen übrigen Großstädten des Kontinents entfernt erschloss er sich die Filmgeschichte über VHS-Kassetten. Darunter waren auch jede Menge Hollywood-Western. Mit denen konnte er freilich kaum etwas anfangen, "weil die Indianer immer die Bösen waren", erinnert er sich. Die ambivalenten Charaktere der Italo-Western, "in denen alles ein bisschen anders war", sagten Thornton weitaus mehr zu. Nun hat der Kameramann und Regisseur seinen eigenen Western gedreht. Und auch darin ist alles ein wenig anders.

Zunächst einmal sind da das Land und die Epoche. Dieses schöne Fleckchen Erde, "some sweet country out there", wie es Sergeant Fletcher (Bryan Brown) gegenüber Bardame Nell (Anni Finsterer) einmal nennt, liegt nicht irgendwo auf dem amerikanischen Kontinent, sondern weit draußen im australischen Outback. Drehort waren die McDonnell Ranges, eine über 600 Kilometer lange Gebirgskette, die Thornton und sein Kamerakollege Dylan River wie einen zusätzlichen Hauptdarsteller in Szene setzen. Wie in jedem guten Western ist die Natur auch immer Seelenlandschaft. Dann folgt auf eine purpurne Abenddämmerung, eine weiße Salzwüste und ein glasklarer Flusslauf, analog zu Fletchers Rachsucht, die sich durch den sicher geglaubten Tod und eine unverhoffte Wiedergeburt in Verständnis wandelt.

Die tragische Geschichte wiederum ist nicht gegen Ende des 19. Jahrhunderts, sondern weit im 20. angesiedelt, als die Menschheit ihren Ersten Weltkrieg bereits hinter sich gelassen hat und den Zweiten heraufziehen sieht. Das fühlt sich trotzdem wie ein astreiner Western an, weil der Weg ins Hinterland weit ist. Im staubtrockenen Wüstendreck schimmern die goldenen Zwanziger allenfalls rotbraun. Hier scheint die Zeit stillzustehen. Hier kochen die Gemüter wie ein Topf heißes Wasser auf einer Feuerstelle hoch. Hier wird die Grenze zwischen Natur und Zivilisation, zwischen Ureinwohnern und Kolonialisten, zwischen Recht und Selbstjustiz immer noch vermessen.

Es folgen Perspektive und Form. Auch diese sind bei Thornton ein bisschen anders. Das Drama beruht auf einer wahren Begebenheit, die Drehbuchautor und Stammesnachbar David Tranter aus Erzählungen seines Großvaters kannte. Gemeinsam mit Koautor Steven McGregor hat er die Handlung ganz um Protagonist Sam Kelly (Hamilton Morris) gebaut, aber aus der Sicht des 14-jährigen Philomac (Tremayne Doolan/Trevon Doolan) erzählt. Einfache Zuschreibungen oder Einteilungen in Gut und Böse liegen den Schreibern fern. Die Charaktere sind so vielschichtig wie die Farbabstufungen der schroffen Felsformationen.

Kelly ist eine jener Figuren, die scheinbar den Weg des geringsten Widerstands geht. Er lebt unter Weißen, trägt deren Kleidung und Namen und ist doch nie vollwertiges Mitglied. Ein Grenzgänger zwischen zwei Kulturen, der lieber den Kopf einzieht, als gegen Unrecht aufzubegehren. Und doch ist sein Charakter wie der aller anderen so viel tiefer als die im Western üblichen Archetypen. In die Ecke gedrängt nimmt er sein Schicksal schließlich selbst in die Hand und trifft dabei Entscheidungen, deren Klugheit und Mitgefühl sich erst in der Rückschau offenbaren.

Sein vielleicht größtes Geschick zeigt "Sweet Country" im Schneideraum. Die ansehnlichen, perfekt kadrierten Bilder bedürfen keiner Musik. Dramatik und Rhythmus ergeben sich ganz allein aus der kontemplativ erzählten, aber wendungsreichen Handlung, dem präzisen, einnehmenden Schauspiel und den formvollendeten kleinen Rück- und Vorblenden, die Thorntons Cutter Nick Meyers wie Erinnerungsfetzen und böse Vorahnungen unter den geschmeidig montierten Bilderfluss schiebt.

Und zu guter Letzt ist da der Bezug zur Gegenwart, sind da all die Verweise auf die Verbrechen, die an Australiens indigener Bevölkerung erst lange nach der Filmhandlung begangen werden sollten. All das macht "Sweet Country" zu einem kleinen, dreckigen Western voll moralisch ambivalenter Figuren und politischer Durchschlagskraft.

Fazit: Warwick Thorntons "Sweet Country" ist ein rauer, spartanischer und poetischer Spätwestern. Wunderbar fotografiert und gespielt, kontemplativ erzählt und eigenwillig inszeniert. Eine starke Ermächtigungsgeschichte aus der Perspektive der australischen Ureinwohner mit politischer Durchschlagskraft.




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