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Kritik: Palmyra (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Der 1946 in Jena geborene Hans Puttnies studierte in den 60er- und 70er-Jahren Philosophie in Frankfurt und arbeitete seit 1981 als Kommunikationsdesign-Professor an der Fachhochschule Darmstadt. Dort unterrichtete er Fotografie und grafische Gestaltung. Puttnies war im darauffolgenden Jahrzehnt Mitgründer des Media-Campus Dieburg, an dem man erstmals in den Studiengängen "Online-Journalismus" und "Wissenschaftsjournalismus" ausgebildet wurde. Als Puttnies Palmyra 2008 besuchte konnte man noch nicht ahnen, dass der IS die antike Stätte sieben Jahre später erobern würde. Ihren UNESCO-Welterbetitel erhielt die Stadt 1980.

"Palmyra" ist nicht einfach nur der Film eines Touristen, der sich in ausgiebigen Spaziergängen durch die unwirklich anmutenden Ruinen der Stadt treiben lässt und seine Eindrücke mit der Kamera festhält. Nun wäre allein dieser Umstand jedoch schon eine Rechtfertigung dafür, die so entstandenen Szenen auf der großen Leinwand zu zeigen – derart beeindruckend und majestätisch wirken die antiken Tempelanlagen, Skulpturen, Tore und Kolonnaden, deren Pracht und Detailreichtum im Kino eine besondere Wirkung entfalten. Auch weil sich Puttnies die Zeit nimmt, die Bauwerke ruhig und langsam abzufilmen, wodurch die reichhaltigen Verzierungen besonders deutlich zum Vorschein kommen.

Doch der Autor, Produzent und Regisseur will mehr. Er reichert seinen essayistischen Film deshalb unter anderem mit Archivaufnahmen und raren Bildern an, um die Geschichte dieses mythischen Ortes zu erzählen. Und er widmet sich der Geschichte der Menschen, die um die antike Stätte herum und vom Tourismus leben. Oder vielmehr lebten, denn seit der Zerstörung und aus Angst vor den vom IS gelegten Sprengfallen, bleiben diese aus. 2008 jedoch war die Plünderung durch die Dschihadisten noch weit weg, deshalb sieht man im Film immer wieder Einheimische auf ihren Kamelen, die in der Gegend Touren anbieten. Oder Souvenirverkäufer auf Touristenjagd. Puttnies sucht Kontakt zu ihnen und befragt sie nach ihrem Alltag.

Darunter auch ein 15-Jähriger Bewohner der benachbarten Stadt Tadmor, der seit frühester Kindheit in den Ruinen Andenken verkauft. Seine freimütigen Schilderungen verdeutlichen nachhaltig, wie abhängig man dort von den wohlhabenden (und zumeist aus Europa stammenden) Touristen ist. Europäer waren es auch, die die Vorfahren dieser Bewohner einst aus ihrer Heimat vertrieben. Auch damit befasst sich der zum kritischen Reflektieren einladende Film. Beachtlich bei all diesen dringlichen Aufnahmen ist vor allem, dass Puttnies zum Zeitpunkt ihrer Entstehung noch keine filmische Umsetzung im Kopf hatte. Dennoch wirken Dramaturgie, Schnitt und Bildgestaltung zumeist, als sei dieser Film von Beginn an so geplant gewesen.

Fazit: Anspruchsvoller, tiefgründig-reflektierender Film über die untergegangene Ruinenstadt Palmyra und die Menschen, die um die und von der Welterbestätte leben.




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