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Mein Stottern
Mein Stottern
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Kritik: Mein Stottern (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Als Regisseurin Birgit Gohlke und ihr Partner Bernhard das erste Kind bekommen, stellt die Namensfindung sie vor Schwierigkeiten. Eigentlich böte sich ein weiterer Vorname mit einem B an, doch gerade Explosivlaute bereiten Gohlke bei der Aussprache Probleme. Es sind kleine, aus dem Leben gegriffene Beispiele wie dieses, die das komplexe, bis heute oft von Vorurteilen und Missverständnissen geprägte Thema des Films jedermann begreifbar machen.

Die eigenen Biografien im Hinterkopf – Birgit Gohlke stottert, ihre Koregisseurin Petra Nickel ist Logopädin –, liegt eine subjektive Erzählperspektive nahe. Und die Entscheidung, ihre Doku aus Gohlkes Sicht, als eine Art Reise zur Aussöhnung mit dem eigenen Stottern zu gestalten, ist ein Gewinn. Die Filmemacherin bietet nicht nur dem Publikum eine positive Identifikationsfigur, als Betroffene erleichtert sie auch den Zugang zu den übrigen Interviewpartnern. Und weil einer davon, Gohlkes alter Bekannter Volker, nach Jahren wieder eine Sprachtherapie besucht, liefern die Aufnahmen davon gleich noch jede Menge Erklärungen mit – von der prozentualen Verteilung des Stotterns zwischen den Geschlechtern über dessen Ursachen bis hin zu Techniken, um es zu vermeiden.

Birgit Gohlkes Schwangerschaft und die Geburt ihres Sohnes, der nach drei Tagen schließlich den Namen Josef erhält, sind ein erster Hinweis auf die Dauer des Projekts. Im Verlauf der Dreharbeiten wird Gohlke noch ein zweites Kind bekommen. Wie sie selbst machen auch die von ihr Befragten eine Entwicklung durch. Während Gerald sein Stottern stets zu verbergen versucht, zeigt Benedikt keinerlei Scheu und das, obwohl er viel stärker davon betroffen ist als Gerald. Hier scheint sich in den vergangenen Jahrzehnten im Umgang, aber auch in der gesellschaftlichen Wahrnehmung etwas zum Positiven gewendet zu haben. Von der "Angst", von der Volker spricht und die auch die Regisseurin gut kennt, vom Gefühl, "lebendig begraben" zu sein, wie es Gerald formuliert, ist bei Benedikt zumindest nichts zu spüren.

Der Dokumentarfilm lebt von dieser positiven Energie, von Birgit Gohlkes Neugier und Aufbruchstimmung, aber auch vom präzisen Blick und dem genauen Hinhören der beiden Regisseurinnen. Gohlkes Off-Kommentar ist analytisch, hinterfragend, aber stets humorvoll. Die Animationen, die alte Erinnerungen bebildern, sind verspielt. Letztlich verleiht "Mein Stottern" all jenen eine Stimme, deren Redefluss mitunter gehemmt ist. Dabei zeigt er seinem Publikum leichtfüßig und beiläufig, dass man sein Gegenüber nicht auf eine einzige Eigenschaft reduzieren sollte.

Fazit: Birgit Gohlkes und Petra Nickels Dokumentarfilm ist eine persönliche Reise zur Aussöhnung mit dem eigenen Stottern. Das ist erhellend und stets humorvoll. Ein bereichernder Film, der Klischees und Vorurteile abbaut und all jenen eine Stimme verleiht, deren Redefluss zuweilen gehemmt ist.




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