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It Must Schwing
It Must Schwing
© Studio Hamburg Enterprises GmbH / NDR

Kritik: It Must Schwing (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Alfred Lion, 1908 als Alfred Löw in Berlin geboren, behielt zeitlebens seinen starken deutschen Akzent. Der schöne Titel von Eric Friedlers jüngstem Dokumentarfilm spielt auf diesen Umstand an. Denn wenn dem Plattenchef der Jazz im Tonstudio nicht rhythmisch genug war, forderte er von den Musikern mehr "swing", was sich bei Lion stets wie "schwing" anhörte.

Diese von Friedlers Interviewpartnern lebhaft erinnerte Szene ist eine von vielen bunten Vignetten über "Blue Note Records", die Friedler in seinem ebenso streng chronologisch wie lebhaft anekdotisch erzählten Film versammelt. Eine andere zeigt Francis Wolff als stummen Beobachter. Von den Musikern unbemerkt schoss er während der Aufnahmen seine Fotos. Später landeten sie auf den von Reid Miles designten Plattencovern. Gefiel Wolff die Musik, dann tanzte er in seinem ganz eigenen Rhythmus dazu. Diese beiden Erinnerungen charakterisieren das Duo und dessen Arbeitsteilung anschaulich.

Alfred Lion und Francis Wolff, der einnehmende Macher und sein stiller Kompagnon, hatten nicht unbedingt den größten musikalischen Sachverstand; dafür hatten sie ein untrügliches Gespür, den richtigen musikalischen Riecher. Lion entdeckte neue Talente am liebsten zu später Stunde in Bars und Klubs. Gemäß seinem Motto, dass die Inspiration erst nachts käme, kutschierte er sie im Anschluss an ihre Auftritte per Taxi ins Studio. Ein heikles Unterfangen in Zeiten der Rassentrennung, als Platten, die heute in der Rhythm-&-Blues-Abteilung stehen, noch unter "race records" zu finden waren. Doch Lions unorthodoxe Methoden transportierten eine Energie, Kreativität und Live-Atmosphäre vom Studio auf die Tonträger, über die sich manche Musiker in "It Must Schwing" in der Rückschau erstaunt zeigen.

Von der familiären Atmosphäre und der kreativen Freiheit bei "Blue Note Records" und vom freundschaftlichen Verhältnis zu Lion und Wolff sind deren langjährige Weggefährten bis heute angetan. In den Interviews wird schnell klar, dass es dem Duo nicht ums Geld, sondern um gute Musik und um die Menschen dahinter ging. Schwarze Jazzvirtuosen zu vertreiben und trotz problematischer Biografien voller Alkohol- und Drogenmissbrauch nicht fallen zu lassen, war in jenen Jahren für zwei weiße Plattenchefs die Ausnahme, nicht die Regel. Dass das etwas mit beider jüdischer Herkunft und ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten zu tun hatte, liegt nahe. Hier wie im Privatleben der zwei Kompagnons, das durchaus Stoff für einen weiteren Film böte, bleibt die Doku allerdings ebenfalls nur anekdotisch und dadurch allenfalls vage.

Viele der Anekdoten, von denen es keine Fotos oder Filmaufnahmen gibt, verpackt Eric Friedler in schwarz-weiße Animationen mit gelegentlichen Farbtupfern. Gemeinsam mit der perfekt auf die treibende Musik abgestimmten Montage entwickelt der Dokumentarfilm trotz seiner doch recht konventionellen Form ordentlich Schwung beziehungsweise "schwing", wie es Alfred Lion formuliert hätte.

Fazit: "It Must Schwing" schildert die bewegte Lebensgeschichte zweier Enthusiasten, die ihre Liebe zur Musik und den Menschen dahinter stets über gesellschaftliche Konventionen und Profit gestellt haben. Regisseur Eric Friedler zeichnet in seinem recht konventionell gestalteten Dokumentarfilm ein größtenteils störungsfreies Bild und ignoriert sich andeutende Konflikte. Dank der wundervollen Musik und einer dynamischen Montage hat sein Film aber ordentlich Rhythmus und Schwung.




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