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Kritik: Naomis Reise (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Reise der Titelfigur führt von Peru nach Deutschland, von einer armen Siedlung an der Peripherie ins wohlsituierte Herz von Berlin. In Peru steigt Naomi (Scarlett Jaimes) nur widerwillig mit ihrer Mutter Elena (Liliana Trujillo) in den Bus zum Flughafen. Ins Land, "in dem meine Schwester gestorben ist", will sie nicht fahren. Am Ende ist sie dort geblieben, radelt auf dem Drahtesel der Verstorbenen durch die deutsche Hauptstadt. Aber ist sie auch angekommen?

"Naomis Reise" ist der Abschluss einer losen Trilogie über Migration und Rassismus, die Regisseur Frieder Schlaich 1999 mit seinem zweiten Spielfilm "Otomo" begann und 2012 mit "Weil ich schöner bin" fortführte. Allen drei Dramen gemein ist ihr realer Hintergrund. Auch "Naomis Reise" basiert auf einer wahren Geschichte, was das Geschehen umso tragischer erscheinen lässt. Schlaichs am Dokumentarfilm geschulte Inszenierung entfaltet aber auch ohne dieses Wissen eine enorme emotionale Wucht.

Der gebürtige Stuttgarter wirft sein Publikum mitten hinein ins Drama. Wo andere Filme alles haarklein erklären, fügen sich bei Schlaich die Details erst ganz langsam zu einem Gesamtbild: die Lebensumstände, das Heimatland, den Grund der Reise, den Chauvinismus des Angeklagten, seines Verteidigers und eines Zeugen – all das erzählt der Regisseur zwischen den Zeilen. Auch die Verhandlung selbst lässt jeden Pathos vermissen, den Gerichtsdramen aus anderen Nationen gern an den Tag legen. Dafür ist das deutsche Justizsystem viel zu nüchtern.

Diese Nüchternheit, die oftmals geradezu gefühlskalt und kalkulierend wirkt, ist Schlaichs großer Trumpf. Der sachliche Vortrag des Tathergangs in der Anklageschrift erzeugt in den Köpfen der Zuschauer viel bedrückendere Bilder, als dies eine Reinszenierung je vermöchte. Naomi, zumal des Deutschen nicht mächtig, kann all das nur stumm ertragen. Hier im Gerichtssaal spielt sich das ganze Drama auf ihrem Gesicht ab. Scarlett Jaimes gelingt das wunderbar.

Am Ende fühlt sich das Urteil falsch an, obwohl keinem Juristen ein Vorwurf zu machen ist. "Naomis Reise" zeichnet die Komplexität der Gesetzeslage und die Sorgfalt der Rechtssprechung nach. Wer dieser Tage bei vermeintlich zu niedrigen Haftstrafen – freilich zumeist unter verkehrten Täter- und Opferrollen – so unbedacht gefühltes Recht einfordert, sollte sich "Naomis Reise" anschauen.

Fazit: "Naomis Reise" ist ein berührendes Gerichtsdrama, das vorführt, wie langsam, aber auch überaus sachlich die Mühlen der Justiz hierzulande mahlen. Aus der (auch inszenatorischen) Nüchternheit entfaltet sich eine enorme emotionale Wucht. Ein Film über gegensätzliche Lebenswelten, unerfüllte Hoffnungen, Chauvinismus und den schwierigen Prozess der Wahrheitsfindung.




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