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Kritik: Leave No Trace (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die amerikanische Regisseurin Debra Granik hatte bereits mit dem bitteren Sozialdrama "Winter‘s Bone" aus dem Jahr 2010 ihr Interesse für Menschen am Rande der Gesellschaft bewiesen. Auch in ihrem neuen Film, der auf dem Roman "My Abandonment" von Peter Rock basiert, geht es um eine Jugendliche, die vor einer großen Herausforderung steht. Als sie in Kontakt mit der Gesellschaft kommt, vor der ihr Vater mit ihr in die Wälder geflüchtet war, beginnt die Autorität des Vaters zu bröckeln. Das Mädchen nimmt das bisherige Dasein in der Wildnis, das entbehrungsreiche Survival-Abenteuer, nicht länger als die bestmögliche Lebensform wahr.

Das eindringliche, stille Drama über die Krise einer innigen Vater-Tochter-Beziehung besticht mit hervorragend gespielten Charakteren und einer zurückhaltenden Inszenierung, die sich oft auf Andeutungen beschränkt. So bekommen die Zuschauer Raum, sich den Charakteren schrittweise anzunähern und können sich deren inneres Erleben durch Einfühlung erschließen. Die Beziehung von Vater und Tochter ist anfangs sehr harmonisch, Tom scheint mit ihrem Leben im Wald zufrieden zu sein. Als die Sozialarbeiterin ihr später Fragen stellt, begreift sie nicht, warum sie als obdachlos gilt – ihr Zuhause sei schließlich bei ihrem Vater. Thomasin Harcourt McKenzie spielt Tom als introvertierten Charakter, der gut beobachtet und viele Dinge auch ohne Erklärungen begreift. Ben Foster versteht es, Wills Kriegstrauma erst allmählich und eher indirekt aufscheinen zu lassen, etwa, wenn sich Will gestresst vor dem Hubschrauberlärm auf der Baumplantage wegduckt. Als Zuschauer erkennt man ähnlich wie Tom nur nach und nach, dass Wills Weigerung, ein angepasstes soziales Leben zu führen, psychische Gründe hat. Vielleicht spielt er in den Wäldern auch zum Teil den Überlebenskampf, das Auf-Sich-Gestellt-Sein nach, als Erfahrungen aus der Zeit der Krieges, die ihm nun sein ganzes Selbstvertrauen vermitteln.

Debra Granik blickt voller Würde und Empathie auf dieses Paar am Rande der Gesellschaft und auch auf andere Ausgestoßene, denen sie begegnen. Will und Tom treffen auf eine Gemeinschaft, die sich eine kleine Trailer-Siedlung in der Natur eingerichtet hat. Es gibt in diesen Zeiten in Amerika viele, die mit der Gesellschaft nicht mehr zurechtkommen. Aber diese Menschen hier besitzen ein großes Herz, sie helfen einander. Die grandiose Schönheit der Wälder gehört natürlich ebenfalls zu den Eindrücken, die sich den Zuschauern dieses bewegenden Films nachhaltig einprägen.

Fazit: Die amerikanische Regisseurin Debra Granik hat ein tief bewegendes Sozialdrama über eine ungewöhnliche Vater-Tochter-Beziehung inszeniert. Das heranwachsende Mädchen erkennt allmählich, dass das Campen in den Wäldern nicht die beste aller möglichen Lebensformen ist und beginnt die Einstellungen ihres im Krieg traumatisierten Vaters zu hinterfragen. Die beeindruckenden schauspielerischen Leistungen porträtieren wortkarge Charaktere, die sich in der Not viel Würde und Liebe bewahrt haben.




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