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Ciao Chérie
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© Thimfilm GmbH

Kritik: Ciao Chérie (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In ihrem dritten Langfilm "Ciao Chérie" befasst sich die in Sarajevo aufgewachsene und heute in Wien tätige Nina Kusturica mit fernmündlicher Kommunikation. Das episodisch geschilderte Kammerspiel lässt uns in zahlreichen Sprachen an den Telefongesprächen von Menschen in einem Call Shop in der Hauptstadt Österreichs teilhaben – und vermittelt dabei Momente der Freude, der Vertrautheit, aber auch der Enttäuschung sowie des Schmerzes.

Kusturica, die auch das Skript verfasste sowie die Produktion und Montage des Werks übernahm, gelingt es gemeinsam mit ihrem Kameramann Michael Schindegger, überaus glaubwürdige und spannungsvolle Momente einzufangen. In den Telefonkabinen spielen sich große und zugleich alltägliche Dramen ab – in den Gesichtern des Ensembles entdeckt der Film das gelebte Leben seiner Figuren, von denen wir oft nur Bruchstücke ihrer Biografie tatsächlich erfahren. Das Heimweh, die Sehnsucht oder auch die Sorge um Angehörige in Krisengebieten, die Ungewissheit, ob und wann man sich wiedersieht, sind spürbar – zum einen dank klug gestalteter Dialoge, zum anderen dank des überzeugenden Schauspiels. Wenn peinliche Schweigepausen entstehen, wenn das Gegenüber sich unerwartet wortkarg gibt oder wenn von diesem dann doch genau die erhofften Worte kommen und all das im Antlitz der Telefonierenden zu erkennen ist, werden die Stärken des Kinos, des audiovisuellen Erzählens perfekt genutzt. Hierzu trägt auch der kluge Einsatz der Musik bei. Wir sehen und hören, wie geliebt, gelitten, gelogen und gelacht wird – und dies schafft Kusturica mit recht minimalistischen Mitteln.

"Ciao Chérie" macht die Einsamkeit deutlich, die man empfindet, wenn man von Menschen, die einem wichtig sind, örtlich getrennt ist. Im Vorgang des Telefonierens demonstriert der Film das seltsame Nebeneinander von Nähe, wenn man die Stimme einer vertrauten Person hört, und Distanz, wenn man diese Person dabei nicht anschauen, nicht berühren kann und merkt, wie sehr man dies vermisst.

Fazit: Ein Werk, das tief berührt, indem es den Wunsch von Menschen nach Verbundenheit in wunderbar gespielten und schön gefilmten Szenen in den Telefonkabinen eines Wiener Call Shops erfasst.




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