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Balkan Dreams - Ein Leben im 9/16 Takt
Balkan Dreams - Ein Leben im 9/16 Takt
© Finimondo Production

Kritik: Balkan Dreams - Ein Leben im 9/16 Takt (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Die Wurzeln der Protagonisten in Gianluca Valleros dokumentarischer Langzeitbeobachtung liegen allesamt im Balkan. So unterschiedlich sie auch sein mögen, ob Kroaten oder Serben, ob Sinti oder Rom, was sie eint, ist ihre Liebe zur Musik. Die einen wie Keyboarder Mirca versuchen, damit ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und selbst bei den anderen, etwa dem Physiotherapeuten Robert, spielt sie in irgendeiner Form in den Alltag hinein. Robert möchte als Comedian durchstarten. Für eine bessere, rhythmischere Performance geht auch er den Weg über die Musik.

Vallero hat seine Protagonisten über fünf Jahre hinweg begleitet. Er selbst hält sich im Hintergrund, fragt weder abseits der Kamera nach noch kommentiert er aus dem Off. Dieses demokratische Prinzip lässt viele Leerstellen. Brennende Fragen wie beispielsweise die nach Mircas Frauenbild bleiben unbeantwortet, lassen den Zusehenden aber auch die Freiheit, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Gerade über Mirca, der mehr und mehr zum Dreh- und Angelpunkt des Dokumentarfilms wird, fällt das Urteil differenziert aus. Der Sympathieträger, der das kulturelle Erbe seiner Eltern anfangs noch schelmisch hinterfragt, entwickelt sich aufgrund seiner Bequemlichkeit und geistigen Unbeweglichkeit zusehends zum Unsympathen. Und doch ist gerade seine widersprüchliche Persönlichkeit einer der Gründe, warum man bis zum Schluss dabei bleibt. Das liegt aber auch an einer großen Schwäche des Films. Während der Regisseur bei Mirca tief ins Privatleben hinabsteigt, sogar bei dessen Hochzeit dabei ist, spielt sich das der anderen Protagonisten nur in deren Berichten vor der Kamera ab.

Der andere Grund ist die Musik. Egal ob mit Mircas diversen Bands oder zu Hause bei Professor Trifkovic – "Balkan Dreams" hat tolle Rhythmen. Davon hätten es gern ein paar mehr sein dürfen, wie auch die Dramaturgie ein wenig mehr Struktur vertragen hätte. Zwar folgt der Dokumentarfilm einem losen Erzählfaden von den Themen Musik über das Verhältnis von heimischer zu deutscher Kultur zu den Kriegserlebnissen der fünf Berliner. Hier wie beim Zentrum des Films, für den man zunächst den Professor hält, den alle nur bei seinem Vornamen Milenko nennen, fehlt aber etwas der Fokus.

Fazit: Gianluca Valleros "Balkan Dreams" begleitet fünf Berliner fünf Jahre lang durch ihren Alltag und macht dabei immer wieder tolle Beobachtungen. Insgesamt fehlt es dem Dokumentarfilm allerdings etwas an Struktur und Fokus.




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