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Das Mädchen, das lesen konnte
Das Mädchen, das lesen konnte
© Film Kino Text

Kritik: Das Mädchen, das lesen konnte (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Das Spielfilm-Regiedebüt von Marine Francen, das auf der autobiografisch gefärbten literarischen Vorlage "Der Samenmann" von Violette Ailhaud basiert, taucht in eine düstere Zeit politischer Repressionen in Frankreich ein. Ein Jahr bevor sich Louis Napoleon zum Kaiser Napoleon III. krönen lässt, schickt er bei seinem Staatsstreich bereits Truppen durch die Lande, um die Verteidiger der Zweiten Republik und ihrer Verfassung zu verhaften. Die Soldaten verschleppen auch alle Männer aus dem Bergdorf, in dem die junge Violette mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder lebt. Die Frauen bleiben ratlos zurück, vollkommen abgeschnitten von der Außenwelt, denn die Soldaten kontrollieren die Zufahrtswege und verbieten das Reisen. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich im Film eine Geschichte, die wie eine bukolische, erotisch gefärbte Fantasie anmutet.

Die Frauen, die ohne ihre Männer zurückbleiben, sehen sich ihrer Lebensperspektive beraubt. Gemeinsam stemmen sie sich gegen das Schicksal und die Not, bestellen die Felder, halten Gärten und Scheunen instand. Ihr Ausharren ist ein Akt des Widerstands, der Heimatliebe. Der Film zelebriert das Landleben regelrecht, verklärt es in einem Reigen unschuldig-sinnlicher Aufnahmen, die an Gemälde alter Meister wie Brueghel erinnern. Die Frauen sind malerisch bei der Mittagsrast oder im Schein des späten Nachmittags in idyllischer Landschaft platziert. Ihre Gewänder mit den blauen Schürzen bilden frohe Farbtupfer im goldenen Licht, als würde ein August Macke der sinnlichen Jugend weiblichen Geschlechts huldigen.

Auf Dauer kann diese so üppige Bilderpracht ihren kitschigen Charakter jedoch nicht verbergen. Auch die schwüle erotische Sehnsucht, der die jungen Frauen in ihren Gesprächen Ausdruck verleihen, trägt zu diesem Eindruck bei. Selbst die hohe poetische Literatur, mit der Violette und ihr Lover nach dem Sex ihren Geist ergötzen, soll den genießerischen Eindruck komplettieren. All das wirkt der Realität völlig enthoben. Die Charaktere bleiben innerhalb des Rahmens, den der pragmatische Pakt der Frauen und das romantisch-erotische Leitthema bilden, ziemlich konturlos. Der bärtige Jean wirkt darüber hinaus auch ziemlich reizlos. Am Ende wartet der Film zwar noch mit einer ansprechenden, relativ glaubwürdigen Wendung auf, aber für ein Erwachen aus den schwülen Träumen ist der Boden nicht ausreichend vorbereitet.

Fazit: Vor dem Hintergrund des republikfeindlichen Staatsstreichs Louis Napoleons 1951 entfaltet sich die fantasievolle Geschichte einer dörflichen Schicksalsgemeinschaft von Frauen, deren Männer deportiert wurden. Ihr pragmatischer Wille, den Fortbestand der Heimat zu sichern, und erotische Sehnsüchte lassen sie einen kollektiven Blick der Begierde auf einen Mann richten, den es ins Dorf verschlägt. Die in malerischen Bildern bukolischer Lebensfreude schwelgende Inszenierung hat ihren Reiz, aber die schwüle Atmosphäre und der Kitsch machen sich störend bemerkbar.




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