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Kritik: A Fábrica de Nada (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der portugiesische Regisseur Pedro Pinho beweist Mut, wenn er als sein Spielfilmdebüt einen 177-minütigen politischen Diskurs über Fabrikschließungen und die Macht oder Ohnmacht der betroffenen Arbeiter präsentiert. Das mit Laiendarstellern besetzte Drama basiert auf dem Theaterstück "The Nothing Factory" von Judith Herzberg. Pinho beackert das politisch hoch relevante Thema mit unterschiedlichen stilistischen Mitteln. Mal wirkt der Inhalt wie ein Doku-Drama, dann wie ein Musical, schließlich wie ein Film im Film, immer diskussionsfreudig und experimentell. Der Film ist den Arbeitern gewidmet, die die portugiesische Aufzugsfabrik Fateleva von 1975 bis 2016 in Selbstverwaltung betrieben.

Der Film nimmt sich Zeit, den Ernst der Lage aus der Perspektive der betroffenen Arbeiter zu schildern. Sie stehen im Betrieb herum, spielen Fußball oder Karten, verdächtigen sich gegenseitig, mit der Verwaltung zu paktieren, die Lager zu wechseln. Die Nervosität wächst, die bange Frage, wovon die Familien in den nächsten Monaten leben sollen, lässt manche am Plan zweifeln, die stillgelegte Fabrik wieder in Gang zu bringen. Viel Raum nehmen die kontroversen Diskussionen der Arbeiter ein. Und da gibt es den intellektuellen Theoretiker, der ihnen Mut machen will, aber auch Verunsicherung bewirkt, indem er darauf verweist, dass auch eine selbstverwaltete Fabrik den Gesetzen des Marktes und des Konsums gehorcht. Der technologische und gesellschaftliche Wandel aber erfordere ein viel radikalere Antwort, wie ein Infragestellen des Konzepts der Erwerbstätigkeit.

Die bunte Palette an stilistischen Mitteln, von den Voice-Over-Kommentaren über den Kapitalismus bis zu den Film-im-Film-Szenen, wirkt nicht immer schlüssig. Vielmehr verändert der Film mit diesen Mitteln manchmal überraschend sein Gesicht, worin sich aber auch seine inhaltliche Dynamik spiegelt. Zuerst sind die Arbeiter verängstigt, dann wollen sie über sich selbst bestimmen. Mal überwiegen Frust und Existenzangst, mal Hoffnung und Aufbruchstimmung. Hier bildet sich eine Keimzelle politischer Rebellion, in der alle Möglichkeiten noch offen zu sein scheinen, noch diskutiert, ausgelotet werden müssen. Das macht den Film interessant, trotz seiner Länge und der nicht ganz überzeugenden Gegenüberstellung von intellektueller und praxisbezogener Debatte.

Fazit: Der portugiesische Regisseur Pedro Pinho beweist Mut zum Experiment, wenn er in diesem politischen Drama, das auch Musical sein will und eine fast dokumentarische Authentizität anstrebt, die Macht und Ohnmacht von Fabrikarbeitern erörtert. Laiendarsteller spielen durch, wie sich Protest gegen die Schließung einer Fabrik formiert, wie schwer es für die Belegschaft ist, eine Gemeinschaft zu werden, die an einem Strang zieht. Wird Selbstverwaltung wieder zu schwarzen Zahlen führen? Nach neuen politischen und wirtschaftlichen Wegen zu suchen, kann, wie der Film zeigt, ein labyrinthisches, aber dennoch interessantes und lohnendes Unterfangen sein.




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