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Lemonade
Lemonade
© dejavu filmverleih

Kritik: Lemonade (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Warum Ioana Uricarus Drama "Leomande" heißt, lässt sich nur erahnen. Keiner trinkt die Brause oder zieht Vergleiche zwischen den USA und Rumänien, wo die süße Erfrischung im Übrigen viel besser schmeckt als im Land von Fast Food und Softdrinks. Bei der bitteren Geschichte einer Einwanderin kommt einem aber sofort ein amerikanisches Sprichwort in den Sinn: "When life gives you lemons, make lemonade." Das Leben gibt Mara (Mãlina Manovici) gleich ein ganzes Netz voller Zitronen, und sie macht das Beste draus.

Ioana Uricaru wirft ihr Publikum mitten ins Geschehen, sitzt erst mit Mara für eine Impfung beim Arzt, dann mit ihrer Protagonistin und Daniel (Dylan Scott Smith) im Auto. Die beiden fahren zur Einwanderungsbehörde. Dort stellt der Beamte Moji (Steve Bacic) dem Paar kritische Fragen. Maras Arbeitsvisum ist abgelaufen, sie wartet auf eine Green Card. Doch schon hier im kleinen gläsernen Büro ist offenkundig, dass diese Ehe mehr Zweckbündnis, mehr Schein denn Liebesheirat ist. Und doch hegt die Ausgewanderte für diesen "guten Mann", wie sie Daniel mehrfach nennt, Gefühle. Mara ist nicht eiskalt berechnend und Uricarus Film nicht schwarz-weiß. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

"Lemonade" erzählt von falschen Vorstellungen und zerplatzten Träumen und vom Sehnsuchtsort USA, der selbst Menschen magisch anzieht, die diese Nation hassen, wie es an zwei verschiedenen Stellen heißt. Auch Mara erduldet alle Ungerechtigkeiten und Verbrechen, die ihr angetan werden, weil es ihr hier immer noch besser geht als in ihrer alten Heimat; vor allem aber, weil sie fest daran glaubt, ihrem Sohn Dragoş (Milan Hurduc) hier eine bessere Zukunft bieten zu können. Dafür muss sich Mara gleich mehrfach entblößen, erst beim Arzt, dann vor der Bürokratie, schließlich vor Moji. Auch die Träume seiner Familie waren einst geplatzt. Nun nährt er seine Frustration an Fremdenhass und Machtmissbrauch. Doch irgendwann wehrt sich diese stille Frau mit dem fragenden Blick und den logischen Argumenten – still, fragend, ihrer eigenen Logik folgend.

Ioana Uricaru inszeniert diese stufenweise Eskalation kammerspielartig, in kleinen Gesprächssituationen, mal in einem Büro, mal in einem Auto, mal am Tisch in der Sitzecke eines Diners. Angesichts all der Unerträglichkeiten, die sie ihrer Hauptfigur zumutet, erzählt die Filmemacherin das mit einer beinahe unverschämten Seelenruhe. Friede Clausz' ("Los Ángeles", "24 Wochen") Bilder kommen wie gewohnt dokumentarisch daher und sind doch von einer nüchternen Schönheit, ohne die Szenerie ästhetisch zu überhöhen. Mãlina Manovici zurückhaltendes, überlegtes Spiel stellt die geradezu absurd anmutenden Regularien einer überängstlichen Gesellschaft heraus, in der eine Mutter ihr Kind nicht einmal fünf Minuten aus den Augen lassen kann, ohne dass die Polizei vor der Tür steht.

Vor ihrem Langfilmdebüt hat die Regisseurin mehrere Workshops internationaler Filmfestivals durchlaufen, und das merkt man "Lemonade" an. Das Drehbuch, das Uricaru gemeinsam mit Tatiana Ionascu geschrieben hat, steuert minutiös in Richtung Ausweglosigkeit, bevor Maras Anwalt (Goran Radakovic) einen unerwarteten Fluchtweg aufzeigt. Hier ordnen sich die Figuren allzu offensichtlich der Dramaturgie unter. Daniels Wut etwa ist zwar nachvollziehbar. Dass sie sich gegen seine Ehefrau und nicht gegen deren Missbraucher richtet, wirkt indes konstruiert. Schließlich wird Daniel als Charakter eingeführt, der Mara gegen das System verteidigt und selbst unter dessen Unzulänglichkeiten leidet. Die hervorragend aufspielende Mãlina Manovici macht diese Schwächen aber mühelos vergessen.

Fazit: Ioana Uricarus "Lemonade" ist ein leise inszeniertes und gespieltes Einwandererdrama über falsche Vorstellungen, Fremdenfeindlichkeit, Machtmissbrauch, Behördenwillkür und die Überregulierung eines überängstlichen Systems. Die offensichtlichen Schwächen bei der Figurenzeichnung macht die hervorragende Hauptdarstellerin wett.




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