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Asche ist reines Weiß - Ash Is Purest White (2018)

Jiang hu er nv

Reise durch Zeit und Raum: Mischung aus Gangsterfilm, Liebesdrama und Roadmovie, die 18 Jahre chinesische Geschichte abdeckt.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3.5 / 5

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Datong, 2001: Qiao (Tao Zhao) lebt mit ihrem Vater in der nordchinesischen Provinz Shanxi in einer Bergbausiedlung. Während ihr Vater die Schließung des Kohlestollens und die Umsiedlung der Kumpel fürchtet, hat sich seine Tochter in zwielichtigen Kreisen nach oben gearbeitet. An der Seite des Bandenführers Bin (Fan Liao), der in den Amüsierbetrieben im Speckgürtel der Millionenstadt das Sagen hat, genießt sie viel Respekt. Doch rivalisierende Jugendliche fordern das Selbstverständnis der Gangster heraus. Als Bin angegriffen wird und Qiao ihm das Leben rettet, geht sie dafür ins Gefängnis.

Nach fünf Jahren Haft macht sich Qiao auf die Suche nach Bin, der aus Datong fortgezogen ist und sein Glück als Geschäftsmann am noch nicht komplett vollendeten Drei-Schluchten-Staudamm versucht. Ein Treffen endet ernüchternd und Qiao tritt die Heimreise an. Zurück in Datong taucht Bin nach mehr als einem Jahrzehnt Funkstille wieder auf. Von seinem Alkoholkonsum schwer gezeichnet hadert die einstige Unterweltgröße mit ihrem Leben und mit der Position, die Bin unter den Bandenbrüdern einst innehatte.

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse3 / 5

In Europa ist der chinesische Regisseur und Drehbuchautor Zhangke Jia ("Still Life", "A Touch of Sin") ein gern gesehener Festivalgast. Seine Produktionen erhielten Preise bei der Berlinale, am Lido und an der Croisette. In Venedig stand er 2011 der Jury der Sektion Orizzonti vor, 2018 war er Jurypräsident beim Festival in Locarno. In seinem Heimatland sind Jias Filme eher unbekannt, weil er in ihnen dorthin blickt, worüber die Regierung gern hinwegsieht: die Ränder der Gesellschaft.

Auch sein jüngstes Werk spielt in der Peripherie, in der Bergbauregion der Provinz Shanxi. In den Teestuben, Spielhöllen und Diskotheken im Speckgürtel der Stadt Datong hat Bandenführer Bin (Fan Liao) das Sagen. Er begreift sich als Gesetzloser und will sich nicht eingestehen, dass seine Vorstellung davon mehr mit Gangsterfilmen als mit der Realität zu tun hat. Datong kommt ihm wie die Hölle vor. "Hier kann man zu Asche werden und keinen juckt's", sagt er zu seiner Freundin Qiao (Tao Zhao) während eines für die Handlung ausschlaggebenden Gesprächs mit Blick auf einen erloschenen Vulkan. In Jias Film brodelt es unter der Oberfläche.

Der Regisseur hatte die Idee zu seinem neuen Film während des Schnitts zweier alter. Schon in "Unknown Pleasures" (2002) und "Still Life" (2006) spielte Tao Zhao mit und Zhaos Szenen, die der Schere zum Opfer fielen, verschmolzen in Jias Vorstellungskraft zu einem neuen Charakter: Qiao. Dementsprechend erzählt der Filmemacher Qiaos langjährige Liebesbeziehung zu Bin konsequent aus ihrer Perspektive. Das Drama geht in aller Kürze mit Qiao ins Gefängnis, am Drei-Schluchten-Staudamm auf die Suche nach Bin und reist mit dem Zug zurück in ihre Heimat. Was Bin in der Zwischenzeit widerfährt, blendet die Handlung komplett aus.

Auf diese Weise wandelt sich der Film noch im ersten Akt von einem möglichen Gangsterepos zu einem Roadmovie durch Zeit und Raum. An Qiaos Seite streift sein Blick wie der eines Flaneurs über die Konstanten und Veränderungen der chinesischen Gesellschaft. Jias Genremix erzählt von Aufstiegsträumen und Abgestürzten. Seine Kritik an den Verhältnissen ist subtil, etwa wenn er durch Qiaos kleine und große Betrügereien am Jangtsekiang andeutet, wie viele verheiratete Männer ganz selbstverständlich eine Geliebte haben.

Jias Stammschauspielerin Tao Zhao brilliert in der Rolle der betrogenen, doch stets loyalen Partnerin. An ihrer Seite überzeugt Fan Liao. Jia erzählt die unglückliche Liebesgeschichte der beiden mit langem Atem, großen Zeitsprüngen und streckenweise atemberaubenden Bildern, die erstmals der Roadmovie-erprobte französische Kameramann Eric Gautier ("Die Reise des jungen Che", "Into the Wild") eingefangen hat. (Jias Stammkameramann Lik-wai Yu war bereits in ein anderes Projekt involviert.) Zwischendurch geht dem Regisseur allerdings die Puste aus. Originell geschriebenen Sequenzen wie Qiaos mühsamer Weg, Bin am Jangtsekiang zu einem Treffen zu lotsen, folgen welche, die beliebig, belang- und kraftlos wirken.

Und noch eins fällt auf: Qiaos und Bins Beziehung kommt aufgrund all der Lücken in der Handlung zu kurz. Als der Film einsteigt, sind die beiden bereits ein Paar. Die Zuschauer müssen ihrer Liebe glauben, was schwerfällt, weil Jia sie oft in großer Runde und zu wenig in inniger Zweisamkeit inszeniert. Die zwei Popsongs des ansonsten beinahe völlig auf Musik verzichtenden Soundtracks geraten so zu emotionalen Platzhaltern einer komplizierten, stets etwas zu sehr behaupteten Liebe.

Fazit: Zhangke Jia fügt seinen filmischen Erkundungen von Chinas Rändern und Randständigen ein weiteres Epos hinzu. Während Hauptdarstellerin Tao Zhao erneut brilliert, geht Jia in seinem mit langem Atem erzählten Mix aus Gangsterfilm, Liebesdrama und Roadmovie zwischen durch die Puste aus. Überzeugenden Seitenblicken steht eine zentrale Liebesgeschichte entgegen, die bis zum Schluss ein wenig behauptet bleibt.




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Land: China, Frankreich
Jahr: 2018
Genre: Drama, Romantik
Länge: 138 Minuten
FSK: 12
Kinostart: 28.02.2019
Regie: Zhang Ke Jia
Darsteller: Tao Zhao, Fan Liao, Yi'nan Diao
Verleih: Neue Visionen

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