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Kritik: Cinderella the Cat (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

In gedruckter Form erschien "Aschenputtel" das erste Mal in Giambattista Basiles Märchensammlung "Il Pentamerone" (1634/36). Für ihren zweiten abendfüllenden Animationsfilm kehren Alessandro Rak, Ivan Cappiello, Marino Guarnieri und Dario Sansone in die eigene und Basiles Heimat zurück: nach Neapel. Was liegt also näher, als die Geschichte des als Dienstmagd missbrauchten Mädchens in die süditalienische Hafenstadt zu versetzen?

Vom Titel sollte sich das Publikum allerdings nicht täuschen lassen. "Cinderella the Cat" ist keine Familienunterhaltung, sondern ein knallharter Film noir für Erwachsene. Die märchenhaft-mittelalterliche wurde gegen eine retro-futuristische Kulisse getauscht, deren Mode und Autos an die Vorkriegsjahre erinnern, während eine holografische Technik einen Blick in die Zukunft wirft. Die Titelfigur kommt zudem nur am Rande vor. Für die junge Mia interessiert sich der Film wenig bis überhaupt nicht. Bezeichnenderweise ist sie stumm. Stattdessen konzentriert sich das Drehbuch aus der Feder des Regie-Quartetts und seiner drei Koautoren Corrado Morra, Marianna Garofalo und Italo Scialdone auf den Konflikt zweier Alphamänner: den gutherzigen Polizisten und seinen sinisteren Gegenspieler.

Dem Genre entsprechend ist der Film voller harter Hunde und leichter Mädchen. Der König ist ein Unterweltboss, der Prinz ein verdeckter Ermittler und die böse Stief- eine Puffmutter, eine Femme fatale, die die eigenen Töchter und den transsexuellen Sohn in ihrem Etablissement anschaffen schickt. Frauen haben umwerfende Kurven, Männer Knarren und kein oder ein schlechtes Gewissen.

Utopie und Dystopie gehen in dieser fantasievollen Welt Hand in Hand. Denn der düsteren filmischen Gegenwart, in der trotz aller Reminiszenzen ans alte Hollywood stets das moderne Neapel eines Roberto Saviano ("Gomorrha") durchscheint, steht der in der Vergangenheit geträumte Traum einer besseren Zukunft entgegen. Früher strahlte über dem Hafen die Sonne, heute rieselt beständig die Asche der Müllverbrennungsanlagen herab. Die ungeschminkte Klarheit, mit der die Regisseure das auf die Leinwand werfen, ist den Originalmärchen weitaus näher als ihren mit Zuckerguss versüßten Disney-Versionen.

Auch visuell gehen Rak & Co. ganz andere Wege als die großen Studios aus Übersee. Ihr Stil ist eine seltsam anmutende Mischung aus Aquarellzeichnungen und 3D-Animationen; als ob sie ein Computerspiel mit Sylvain Chomets Animationsfilmen ("Das große Rennen von Belleville", "Der Illusionist") und Manuele Fiors Comics ("Fräulein Else", "Fünftausend Kilometer in der Sekunde") gekreuzt hätten. Diese wundersame wie wunderschöne Melange entwickelt schnell einen faszinierenden Sog, kann über die erzählerischen Schwächen, in denen die weiblichen Figuren lediglich als Katalysatoren der handlungsbestimmenden Männer dienen, aber nie ganz hinwegtäuschen.

Fazit: "Cinderella the Cat" ist ein fantastisch animierter Thriller, ein modernes Märchen für Erwachsene, das bittere Gegengift zum zuckersüßen Dinsey-Universum. Doch so wunderschön-wundersam der Film auch aussehen mag, er vernachlässigt leider sträflich seine weiblichen Figuren, allen voran die Titelheldin.




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