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Kritik: Birds of Passage - Das grüne Gold der Wayuu (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der kolumbianische Drogenhandel ist unentwirrbar mit dem Namen Pablo Escobar verknüpft. Dessen Prägnanz hat viel mit seiner medialen Präsenz zu tun. Auch mehr als 20 Jahre nach seinem Tod ist der einstige Anführer des Medellín-Kartells in Thrillern und True-Crime-Dokus allgegenwärtig – von "Escobar: Paradise Lost" (2015) über "Narcos" (2015-2017) bis "Drug Lords" (seit 2018). Dabei blühte der Drogenschmuggel in Kolumbien auch schon vor Escobars Karriere. Ciro Guerra und Cristina Gallego bringen ein beinahe vergessenes Kapitel auf die Leinwand.

Guerra ist bereits in seiner Schwarz-Weiß-Elegie "Der Schamane und die Schlange" (2015) tief in die indigene Kultur abgetaucht. Bei "Birds of Passage" führte seine Produzentin Cristina Gallego Koregie und bringt eine "feminine, starke Sichtweise" ein, wie Guerra und Gallego es in einem Doppelinterview zu ihrem Film erklärt haben. Den Wayuu-Familien, um die sich die epische Geschichte entspinnt, stehen zwar Männer wie der anfangs viel zu junge Leonídas (Yanker Díaz) vor. Das Wort der Frauen, allen voran das der Matriarchin Úrsula (Carmiña Matrínez), die den Talisman der Familie hütet, hat jedoch Gewicht.

Guerra und Gallego entführen ihr Publikum in eine unwirtliche Region in Zeiten des Umbruchs. Männer wie Rapayet (José Acosta) tragen längst Hosen und nur noch zu traditionellen Anlässen Röcke. Die luxuriöse Villa, die er sich von seinem Drogengeld mitten in die Wüste stellt, wirkt wie ein Fremdkörper, wie eine Halluzination unter gleißender Sonne. Der Einbruch der Moderne bedeutet einen Bruch mit Traditionen. Statt durch mündliche Verhandlungen, von "Wortboten" wie Rapayets Onkel Peregrino (José Vicente) geführt, lösen die Beteiligten ihre Konflikte zunehmend mit (Waffen-)Gewalt, die der Film konsequent indirekt vermittelt. Für den Widerstreit zwischen Alt und Neu finden Guerra und Gallego immer wieder simple Bilder von treffender Schönheit. Rapayet und seine Frau Zaida (Natalia Reyes) etwa schlafen nicht auf der weichen Matratze ihres ausladenden Betts, sondern in einer Hängematte daneben.

Das Regieduo erzählt in fünf elliptischen Akten, die sich an alte Lieder anlehnen, von strauchelnden Männern und standfesten Frauen. Das Schwarz-Weiß aus "Der Schamane und die Schlange" ist farbenprächtigen Breitwandaufnahmen gewichen. Gepaart mit einer auf traditionellen Instrumenten eingespielten Musik und dem Klang der Stammessprache Wayuunaiki entfaltet sich abermals ein ganz eigentümlicher Sog. "Birds of Passage" ist viel näher am Genrekino, als es "Der Schamane und die Schlange" war und weit weniger symbolisch aufgeladen. Und doch sind Traumdeutungen und Geistererscheinungen darin ganz selbstverständlich. Trotz zwei Stunden Laufzeit wird einem dieser eigentümliche Mix aus Drogenthriller, Familiendrama und Western nie lang.

Fazit: "Birds of Passage" erzählt elliptisch vom Aufstieg und Fall zweier Familien im kolumbianischen Drogenhandel der 1960er- bis 1980er-Jahre. Das Regieduo Ciro Guerra und Cristina Gallego taucht tief in die Traditionen des Wayuu-Stammes ein. Ihr epischer, farbenprächtiger Mix aus Gangsterfilm, Familiendrama und Western vermeidet plakative Momente und setzt stattdessen auf eine langsame Figurenentwicklung und tolle Schauspieler.




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