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A woman captured - Eine gefangene Frau
A woman captured - Eine gefangene Frau
© Partisan Filmverleih

Kritik: A woman captured - Eine gefangene Frau (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Bernadett Tuza-Ritter und ihre Kamera sind unglaublich nah dran an Marisch. Jede einzelne Falte der Protagonistin ist zu erkennen, die tief liegenden Augen, der müde Blick. Es ist das Gesicht einer Greisin, das jede noch so niederträchtige Behandlung stoisch erträgt. Dabei ist Marisch erst 52. Auf einem zehn Jahre alten Foto ist sie kaum wiederzuerkennen, so jung, so viel lebendiger sieht sie aus. Die Menschen um sie herum zeigt der Dokumentarfilm nicht. Das hat gute Gründe. Marischs rasender Zerfall und Tuza-Ritters ungewohnter formaler Ansatz offenbaren sich ganz allmählich.

Marisch ist eine von geschätzten 45 Millionen modernen Sklaven weltweit. Im Haushalt der herrischen Eta ist sie nicht die einzige Bedienstete (auch mehrere Männer zählen dazu), aber die einzige der schamlos Ausgebeuteten, die von der Regisseurin gefilmt werden darf. Außer Tuza-Ritter hatte niemand Zutritt. Die strengen Vorgaben münden zwangsläufig in diese außergewöhnliche Nähe. Andere Menschen sind nur im Anriss, in der Ferne oder im Unschärfebereich der Kamera zu sehen. Ihre Stimmen dringen meist nur aus dem Off an Marischs und des Zuschauers Ohr.

Die Filmemacherin wird schnell zu einer neuen Bezugsperson. Sie ist die Einzige, die Marisch keine Befehle erteilt, die sie nicht beschimpft, schlägt oder demütigt, sondern ihr einfach nur zuhört. In den wenigen Momenten, in denen Marisch nicht unter Aufsicht steht, hat sie endlich jemanden, mit dem sie offen reden kann. Sie stellt der Regisseurin Fragen, erzählt aus ihrem Leben – stets leise, um nicht dabei ertappt zu werden. Häppchenweise erfährt das Publikum, wie die Protagonistin in ihre Lage geraten ist, dass sie Kinder hat, warum sie diese nicht um Hilfe bitten kann oder will und warum es ihr so schwerfällt, sich selbst zu befreien. Dabei sind Marischs Misstrauen und ihre Verunsicherung jederzeit greifbar. Nach so vielen Jahren des Missbrauchs hat sie den Glauben an das Gute im Menschen verloren. Lange befürchtet sie, dass die Frau hinter der Kamera sie an Eta verraten könnte.

Aus der formalen Nähe entwickelt sich eine emotionale. Auch wenn die Regisseurin nie im Bild ist, sie die wenigen Fragen hinter ihrer Kamera in nüchternem Ton stellt, lässt sie Marischs Schicksal nicht kalt. Um ihren Film beenden zu können, zahlt sie das Geld, das Eta nach einer Weile für die Dreharbeiten fordert. Der Boden der dokumentarischen Neutralität ist dadurch selbstredend verlassen. Eines Tages greift Tuza-Ritter schließlich zum Telefonhörer und informiert anonym die Polizei, wie ein eingefügter Text erklärt. Doch die ungarischen Behörden können nicht einschreiten, weil zwischen Eta und Marisch kein Verwandtschaftsverhältnis besteht, kein Fall von häuslicher Gewalt vorliegt. Eine absurde, eine grausame, ja eine grausam-absurde Welt.

So gemein sich die Regisseurin mit ihrer Sache letztlich auch machen mag, zur Flucht verhilft sich Marisch ganz allein. Ohne die Anwesenheit einer Filmemacherin und ihrer Kamera wäre es wohl aber nie so weit gekommen. Zunächst sieht die Gebeutelte in Tuza-Ritters Dokumentarfilm nur eine Chance, auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen. "Wenn du das nur einmal zeigen kannst, dann merken die Menschen vielleicht, wie sie einander nicht behandeln sollten. Dass allen Respekt zusteht, auch denen, die alles verloren haben", sagt Marisch ungerührt. Stellen wie diese lassen auch keinen im Kinosaal kalt. Am Ende fiebert das Publikum mit dieser Geprügelten mit und ist froh, dass sich die Regisseurin – und sei es nur durch ihre Anwesenheit, durch ihren Entschluss immer wieder zu dieser Frau zurückzukehren – eingemischt und Marisch zum Weggehen bestärkt hat. Die erfolgreich Geflohene heißt eigentlich Edith. Marisch war ihr Sklavenname.

Fazit: "A woman captured" ist Bernadett Tuza-Ritters erster abendfüllender Dokumentarfilm, der durch seine intensive formale wie emotionale Nähe beeindruckt und bewegt. Mutiges Dokumentarkino, das sich einmischt und auf ein grassierendes Problem unserer modernen Gesellschaften aufmerksam macht.




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