VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Wo bist du, Jo o Gilberto?
Wo bist du, Jo o Gilberto?
© farbfilm verleih

Kritik: Wo bist du, João Gilberto? (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Dokumentarfilm von Georges Gachot, einem Kenner und Verehrer des Bossa Nova, ist durchdrungen von einer luftig-sanften Melancholie. In ihr spiegelt sich der Tonfall der brasilianischen Bossa Nova, der oft von der Vergeblichkeit der Liebe handelt, vor deren Zauber es für den Menschen dennoch kein Entrinnen gibt. Der Begründer der Bossa Nova, João Gilberto, lebt völlig zurückgezogen irgendwo in Rio de Janeiro, fast, als existierte er nur in den Köpfen seiner Fans. Das musste der deutsche Journalist Marc Fischer feststellen, als er sich für ein Buch auf die Spuren João Gilbertos begab und ihn nicht fand. Fischer wurde von einem Freund Gilbertos sogar gewarnt, dass etwas Dunkles den Musiker umgebe, dass er Menschen ins Unglück reißen könne. Noch bevor sein Reisebericht erschien, nahm sich Fischer das Leben. Wenn sich Gachot nun auf die gleiche Reise begibt, will er nicht nur dem Mythos Gilberto nachspüren, sondern vor allem auch der schmerzlichen Faszination, die er auf Fischer ausübte. Gachot reflektiert außerdem, warum er selbst so besessen davon ist, diesem genialen Musiker nahezukommen, als trügen ihn die Melodien der Bossa Nova davon.

Irgendwann ist von der Sehnsucht die Rede, die in Gilbertos Musik erklingt und die sowohl Fischer, als auch Gachot an der Angel hat. Auch einige Musikerkollegen und Weggefährten Gilbertos, die Fischer traf und Gachot vor die Kamera holt, fangen zu spielen und zu singen an, aber sie haben nicht besonders viel über seine Person zu sagen. Gilberto bleibt nebulös, nicht zu fassen, obwohl er auf Archivaufnahmen auf Konzertbühnen zu sehen und zu hören ist. Ein ehemaliger Freund erzählt, dass er ihn seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hat, sein langjähriger Koch begegnete ihm nie persönlich.

Gachot will die Versuche Fischers zur Vollendung, zum Erfolg führen. Der Film bezieht seinen Charme einer detektivischen Schnitzeljagd, die auch trügerischen Fährten folgt, den Vexierbildern wechselnder Perspektiven, gedanklichen Fata Morganas. Die Erzählebenen verfließen, die Voice-Over-Stimme gehört mal Gachot, mal zitiert sie Fischers Aufzeichnungen. Am Schluss gibt es eine Wendung, die dieser zärtlichen filmischen Huldigung aus Fan-Perspektive und allen Liebhabern von Gilbertos Musik eine Art anerkennendes Autogramm gewährt.

Fazit: Eine genießerische Atmosphäre durchzieht diesen musikalischen Dokumentarfilm von Georges Gachot, aber auch eine melancholische Spannung, die so etwas wie eine detektivische Noir-Stimmung heraufbeschwört. Gachot begibt sich auf die Suche nach dem Bossa-Nova-Begründer João Gilberto und erweist dabei auch dem verstorbenen Journalisten Marc Fischer seine Reverenz. Gachot versucht sozusagen einen postumen Brückenschlag zwischen dem Künstler und diesem Verehrer, der dem Zauber dieser Musik erlag. Das Ergebnis ist eine reizvolle künstlerische Reflexion über die menschliche Sehnsucht nach Verstehen und Durchdringung.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.