VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot
Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot
© W-Film

Kritik: Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 2 / 5

Dass dieser Film, der im Wettbewerb der Berlinale 2018 lief, polarisieren wird, ist nicht nur wegen seiner Länge von 172 Minuten vorauszusehen. Wer sich auf die extrem langsame Handlung einlassen will, braucht eine besondere Motivation. Manche werden sie in den Naturaufnahmen, der Sinnlichkeit des trägen Sommers finden, andere in der Spannung, die die mit Philosophieren getarnte Angst der Zwillinge vor dem Ende der gemeinsamen Kindheit erzeugt. Vermutlich aber wird es auch eine Zuschauerfraktion geben, der der Film von Philip Gröning ("Die Frau des Polizisten") nach einer Weile nichts mehr sagt.

Es dauert über eine Stunde, bis sich zwei Dinge herauskristallisieren: Erstens beginnt die Handlung auf der Stelle zu treten, indem sie Schleifen vollzieht, die oft wie Sprünge auf der Zeitebene wirken. Die Zwillinge sind mal auf der Wiese, dann im Tankstellenhaus, im Wald, dann wieder auf der Wiese zu sehen. Die Montage hat etwas Willkürliches, als wären das Schnappschüsse, die sich aber jeweils über viele Minuten hinziehen können. Zweitens entwickeln sich Robert und Elena emotional nicht. Sie wollen selbst offenbar, dass alles ewig so weitergeht, Baden, Spazieren, Späßchen machen. Man könnte sagen, die Zwillinge regredieren, sie verhalten sich zunehmend verloren und triebhaft – und dann gönnt sich der Film auch noch die Wendung hin zum inzestuös gefärbten Krimi, als würde er Wucht mit Aussagekraft verwechseln.

Aber die blonde Elena, die immer engelhaft unschuldig und selbstbezogen wirkt, und der unschlüssige Robert kommen nie im Kino an, sondern landen eher auf einer imaginären Theaterbühne. Sie spielen ein realitätsfernes Stück und machen dabei einen blutleeren Eindruck.

Die Tankstelle wird zum Symbol für die Einsamkeit, für die Vertreibung der Zwillinge aus dem Schoße der Zivilisation, hinaus in die Natur mit den stacheligen Halmen, dem Dickicht aus Gräsern, Blättern, Schilf. Die Aufnahmen dauerten drei Monate, und so sieht man an diesem einen Wochenende mal grüne Getreidehalme, mal gelbe, mal blüht der Mohn und die Vögel singen, mal sind die Blätter eines Baumes bereits bunt. Robert bezeichnet eine grüne Heuschrecke als Grille – die Natur scheint weder die Zwillinge, noch den Film selbst auf Dauer wirklich zu interessieren.

Fazit: Philip Grönings Drama über ein jugendliches Zwillingspaar, das vor der Hürde des Erwachsenwerdens und der bevorstehenden Trennung steht, verliert sich in der Trägheit eines langen Sommerwochenendes. Elena will sich mit Hilfe ihres Bruders Robert für ihre Abiturprüfung in Philosophie vorbereiten, aber das Thema Sexualität mit seinen Fallen Eifersucht, Verrat, gar Inzest ist für beide wichtiger. Die Charaktere bleiben blutleer, die Handlung tritt in der freien Natur am Straßenrand, an dem eine Tankstelle als letzte Bastion der Gesellschaft dient, auf der Stelle. Auch die Wendung ins Kriminelle kann der prätentiösen, überlangen Geschichte nicht mehr den Sinn verleihen, den sie beim Dösen auf der Wiese eingebüßt hat.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.