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Sauvage
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© Salzgeber & Co. Medien GmbH

Kritik: Sauvage (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Sauvage" – das Langfilmdebüt des 1972 geborenen Drehbuchautors und Regisseurs Camille Vidal-Naquet – ist ein bemerkenswertes Charakterstück. Der Protagonist Léo, dessen Name im Film nicht genannt wird, hat eine radikale Vorstellung von persönlicher Freiheit: Obdachlosigkeit und Drogenkonsum sind für ihn ebenso selbstverständlich wie die Tatsache, dass er kein Mobiltelefon besitzt. Über die Bedingungen seiner Tätigkeit als Sexarbeiter beklagt er sich nicht; er hegt keinerlei Pläne, dem Leben auf der Straße zu entfliehen. In der Tradition der Rollen von Paul Newman in Stuart Rosenbergs "Der Unbeugsame" (1967) und insbesondere von Sandrine Bonnaire in Agnès Vardas "Vogelfrei" (1985) bricht die Figur mit allen gesellschaftlichen Denkmustern.

Das Werk von Vidal-Naquet ist in einigen Momenten schonungslos-hart – wenn es etwa die Gewalterfahrungen von Léo schildert. Der junge Mann wird mit der Empathielosigkeit und dem sadistischen Verhalten diverser Kunden konfrontiert und lässt sich dabei (zu) viel gefallen. Auch seine unerwiderte Liebe zu seinem Kollegen Ahd (Eric Bernard), der sagt, nicht auf Männer zu stehen, ist voller Tragik. Dennoch lässt "Sauvage" auch einige anrührend-zärtliche Augenblicke zu, wenn Léo zum Beispiel die Nacht bei einem älteren, einsamen Witwer (Jean-Pierre Baste) verbringt und die beiden einander Nähe schenken, weil sie sich beide so sehr danach sehnen, oder wenn Léo von einer einfühlsamen Ärztin (Marie Seux) untersucht wird – und die medizinische Untersuchung unvermittelt in eine Umarmung mündet. Obwohl wir kaum Informationen über Léos biografische Hintergründe erhalten, fühlen und fiebern wir mit dem ziellosen Helden dieser Geschichte mit.

Die niemals aufdringliche und doch sehr intensive Arbeit mit der Handkamera von Jacques Girault und das unerschrockene Spiel von Hauptdarsteller Félix Maritaud ("120 BPM") machen den Film zu einem eindringlichen Erlebnis, das über Freiheit, Wildheit und Menschlichkeit neu nachdenken lässt. Es gelingt der Inszenierung, die emotionale Spannung bis zum treffenden Schlussbild aufrechtzuerhalten.

Fazit: Eine furchtlos dargebotene Charakterstudie über einen jungen Sexarbeiter mit einem konsequenten Verständnis von individueller Freiheit.




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