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Fahrenheit 11/9
Fahrenheit 11/9
© Weltkino Filmverleih

Kritik: Fahrenheit 11/9 (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Man muss Michael Moore nicht mögen – weder den Menschen noch seine Arbeit –, um neidlos anzuerkennen, wie stark der Dokumentarfilmer die Gattung beeinflusst hat. Unzählige Regisseure rund um den Globus, von Moores Landsmann Morgan Spurlock ("Supersize Me", 2004) bis zum Deutschen David Sieveking ("Eingeimpft", 2017), haben sich viel von dessen subjektivem, verspieltem und polemischem Stil abgeschaut. Gewohnt überzogen ist auch "Fahrenheit 11/9", zudem zuweilen fahrig und strukturlos, dafür aber wie immer ausgesprochen unterhaltsam und Moores beste Arbeit seit Langem.

Gewöhnlich springt Moore in jedem seiner Werke, vom Oscar-prämierten "Bowling for Columbine" (2002) bis zu "Where to Invade Next" (2015), von Anfang an als Mensch gewordener ziviler Ungehorsam durchs Bild. Dieses Mal hält er sich, zumindest für seine Verhältnisse, zurück. In der ersten halben Stunde fungiert er lediglich als Erzähler aus dem Off. In einem fulminanten, süffisanten, ruhig vorgetragenen Gedankenstrom nimmt er die Medien, alle politischen Lager und sich selbst aufs Korn. Erst in Minute 57 tritt Moore in Aktion, als er Rick Snyder, den Gouverneur seines Heimatstaats Michigan, verhaften will und anschließend dessen Privatgrundstück mit verseuchtem Flusswasser flutet. Eine typische Moore-Aktion: originell, witzig, bis zur Schmerzgrenze zugespitzt und garantiert nicht jedermanns Sache. Auch in den anschließenden Interviews überlässt er großzügig seinen Gesprächspartnern das Feld. Fast scheint es so, als reiche Moore den Staffelstab in diesem Film an jüngere Aktivisten weiter.

"Fahrenheit 11/9" quillt über vor Informationen, Gedankengängen und Schlussfolgerungen. Nicht jede davon sitzt. Schon der Titel ist zugleich Anspielung und Abwandlung von Moores "Fahrenheit 9/11" (2004). Nahm Letzterer die politischen Erschütterungen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den Blick, spürt Moores jüngster Film den gesellschaftlichen Verwerfungen vor und nach der Präsidentschaftswahl am 8. November 2016 nach. Moores Analyse ist scharf und polemisch, dabei stets mehr assoziativ und in alle Richtungen ausufernd als strukturiert. Und doch stecken bei allen Übertreibungen und Auslassungen jede Menge (unangenehme) Wahrheiten in diesem Film, etwa die Tatsache, dass es nicht die Republikaner, sondern die Demokraten unter Bill Clinton waren, die den letzten Rest Sozialstaat verraten und verkauft haben. (Internationale Nachahmer wie Gerhard Schröder und seine Agenda 2010 lassen grüßen.)

Auch wenn Moore gegen Ende (durch einen Vergleich Donald Trumps mit Adolf Hitler) den Teufel in allzu grellen Farben an die Wand malt, ist seine Bestandsaufnahme aktueller politischer Entwicklungen insgesamt gesehen eine ernst gemeinte und ernst zu nehmende, ja kluge Mahnung. Reine Schwarzmalerei liegt dem Enfant terrible des Dokumentarfilms dieses Mal fern. Zwar sei das System kaputt, doch noch lasse es sich reparieren. Die positive Bootschaft lautet: Donald Trump ist nicht Amerika. Die Mehrheit der Amerikaner hat diesen Mann nicht zu ihrem Präsidenten gewählt. Wenn es ihr gelingt, über Partei-, Klassen-, Glaubens- und Rassenschranken hinweg solidarisch zusammenzustehen, dann ist auch für den Berufszyniker Michael Moore ein anderes, ein besseres Amerika möglich.

Fazit: Michael Moores "Fahrenheit 11/9" ist ein Dokumentarfilm, der die Ursachen und die Folgen von Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten nicht nur scharfsinnig und -züngig analysiert, sondern auch Wege aus der Misere aufzeigt. Das ist mal polemisch, mal ironisch, nicht immer schlüssig, dafür herrlich überzogen und doch erstaunlich moderat. Politische Unterhaltung vom Feinsten.




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