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Kritik: Aggregat (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die 1974 geborene Marie Wilke hat "Aggregat" – ihr zweites dokumentarisches Werk nach ihrem eindrücklichen Leinwanddebüt "Staatsdiener" (2015) – an verschiedenen Orten in Deutschland in den Jahren 2016 und 2017 gedreht; auf der Berlinale 2018 feierte der Film seine Premiere. Mit ihrem Kameramann Alexander Gheorghiu hat die Regisseurin Fragmente der deutschen Gegenwart eingefangen, mit denen sie uns ohne Erklärungen oder Kommentare via voice-over konfrontiert. Es wird nicht erzählt; vielmehr wird das Geschehen in langen, zumeist statischen Aufnahmen einfach gezeigt. So entsteht eine audiovisuelle Sammlung von Momenten, die über den Zustand unseres demokratischen Systems nachdenken lässt – und offenbart, wie erschreckend fragil dieser Zustand ist.

Die Drehorte reichen von Konferenzräumen im Bundestag über die redaktionellen Zimmer der Tageszeitungen BILD und taz bis hin zu Marktplätzen und Gaststätten in Sachsen. Nach dem Fly-on-the-wall-Prinzip, welches insbesondere von dem US-Filmemacher Frederick Wiseman perfektioniert wurde, beobachten Wilke und Gheorghiu Diskussionen, Arbeitsprozesse und Veranstaltungen und liefern interessante Einblicke – etwa wenn zwei taz-Mitarbeiterinnen eine Reportage miteinander erörtern, wenn Bürgerinnen und Bürger in einem Infomobil oder im Rahmen einer öffentlichen Gesprächsrunde der SPD ihren Unmut zum Ausdruck bringen (und dabei teilweise ihren Rassismus erkennen lassen) oder wenn Äußerungen auf einer Pegida-Demo erfasst werden. Zu den spannungsreichsten Passagen zählen Ausschnitte aus Workshops für politisch aktive Menschen, in denen der Umgang mit Rechtspopulismus, mit Vorurteilen und Hass thematisiert wird.

Die einzelnen Schauplätze werden durch Schwarzblenden klar voneinander getrennt, wodurch deutlich wird, dass es sich um eine bruchstückhafte Betrachtung des politischen und gesellschaftlichen Klimas und der journalistischen Arbeit in Deutschland handelt. Die nüchtern-unaufgeregte Form, die "Aggregat" wählt, um sich einem sehr komplexen, emotionalen Sujet zu widmen, erweist sich dabei als äußerst klug.

Fazit: Eine aufmerksame filmische Beobachtung der aktuellen Situation Deutschlands – mit Einblicken in die Politik, die Medienwelt und die Stimmung in der Bevölkerung.




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