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Männerfreundschaften
Männerfreundschaften
© missingFilms

Kritik: Männerfreundschaften (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der deutsche Filmemacher Rosa von Praunheim trägt in seinem neuen Dokumentarfilm eine weiße Perücke aus Goethes Zeiten. Er versetzt das Publikum mit Spielszenen in die Epoche der Weimarer Klassik zurück und verleiht dem Umgang, den gebildete Männer aus Kunst- und Adelskreisen pflegten, fantasievoll Ausdruck. Goethe und Schiller waren sich emotional sehr zugetan und führten einen herzlichen Briefwechsel. Aber kann daraus auf eine homoerotische Neigung, gar Praxis der beiden Dichter geschlossen werden? Der Regisseur befragt dazu verschiedene Wissenschaftler und Autoren. Der spekulative Film erweist sich als unterhaltsam und informativ. Denn er macht dem Publikum bewusst, dass es zu Goethes Zeiten für Männer durchaus üblich war, innige Freundschaften zu pflegen.

Im 18. Jahrhundert unterhielten Menschen aus besseren Kreisen Brieffreundschaften und Goethe schrieb fleißig, etwa an seinen Freund Friedrich Heinrich Jacobi. Manche dieser Korrespondenzen lesen sich wie Liebesbriefe, doch die befragten Wissenschaftler trennen zwischen Gefühlsbekundungen, die sozial akzeptiert waren, und körperlicher Liebe. Wenn sich Goethe und seine Freunde inniger Zuneigung versicherten, war das wohl nicht sexuell gemeint. Die Küsse, die sie sich schriftlich zuschickten, symbolisierten eher seelische Nähe. Dennoch ist es durchaus reizvoll, Passagen aus Goethes Werk und den privaten Briefen unter dem Aspekt der Homoerotik querzulesen und die Gedanken schweifen zu lassen, wie Rosa von Praunheim und seine Schauspieler es hier vormachen.

Manche der befragten Experten halten es für möglich, dass Goethe auf seiner Italienreise sexuellen Kontakt mit Männern hatte. Spannend ist auch der Exkurs zu Johann Winckelmann, dem Begründer der klassischen Archäologie, der Goethes Liebe zur Klassik maßgeblich prägte. Er pries nicht nur die Schönheit griechischer Männerstatuen, sondern war auch bekanntermaßen homosexuell. Seinen besonderen Reiz aber bezieht der vergnügliche Film hauptsächlich daraus, dass er vor Augen führt, wie viel leidenschaftlicher als heute sich auch heterosexuelle Männer ihrer Freundschaft versicherten.

Fazit: Der Filmemacher Rosa von Praunheim vertieft sich in vergnügliche Spekulationen über die sexuelle Orientierung Goethes, Schillers und einiger ihrer Zeitgenossen. Er taucht mit Spielszenen in die Atmosphäre der Weimarer Klassik ein, als sich Männer glühende Freundschaftsbriefe schrieben. Die Wissenschaftler, die er befragt, halten homoerotische Neigungen bei Goethe durchaus für möglich, verweisen aber auch darauf, dass der damals übliche Ausdruck seelischer Liebe meistens nicht sexuell gemeint war. So entwickeln die Spekulationen ihren besonderen Reiz im Ausmalen einer Epoche mit anderen, zum Teil auch erstaunlich liberal anmutenden sozialen Gepflogenheiten.





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