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Postcards from London
Postcards from London
© Salzgeber & Co. Medien GmbH

Kritik: Postcards from London (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Knapp zweieinhalb Jahrzehnte nach seinem schwulen Indiedrama "Postcards from America" (1994) schickt Regisseur Steve McLean knallbunte, bewegte Ansichtskarten aus einer fiktionalisierten und hochgradig stilisierten britischen Hauptstadt an seine Zuschauer. Der Londoner Stadtteil Soho, durch den sich der junge Jim (Harris Dickinson) bewegt, ist mehr Traumgebilde und Wunschvorstellung als Realität, ein nostalgisches Konstrukt einer längst vergangenen Zeit und stets als Kulisse zu erkennen.

Die reduzierten Sets mit ihren harten Schlaglichtern und den Neonreklamen erinnern an eine Theaterbühne, die von Jim in der Ohnmacht durchlittenen Tableaux vivants an die Kunst-, Sozial- und frühe Filmgeschichte, die Einteilung in Kapitel an Literatur. Und doch ist McLeans eigenwilliger Mix ein eigenständiges, pulsierend-lebendiges Stück Kino.

Regisseur und Drehbuchautor McLean nimmt die ziemlich gewöhnliche, tausendfach erzählte Handlung eines simplen Landeis, der in der großen Stadt gescheit und erwachsen wird, und macht etwas Außergewöhnliches daraus. "Postcards from London" ist eine kunstbeflissene, experimentierfreudige Coming-of-Age-Geschichte, ein im Neonlicht schimmernder, cineastischer Entwicklungsroman und ein anregender Abriss schwuler Kunstgeschichte – von Caravaggio über Wilde bis Pasolini, Fassbinder und Jarman.

Die Idee, dass eine Gruppe männlicher Escorts (das Wissen um) die Kunstgeschichte am Leben hält, ist freilich auch nur ein Wunschtraum, den McLean allerdings nicht allzu ernst nimmt, sondern immer wieder ironisch bricht und süffisant kommentiert. Die Streitgespräche zwischen Jim und dem geträumten Caravaggio (Ben Cura) etwa sind traumhaft schön gefilmt und aberwitzig. Mit dem aufstrebenden Harris Dickinson ("Beach Rats", "The Darkest Minds") hat er die perfekte Besetzung für seine Hauptrolle gefunden. Dickinson lässt hinter Jims Selbstbewusstsein dessen Verletzlichkeit mühelos durchschimmern. Dank McLeans schönen Drehbucheinfällen geht diese anmutige Figur am Ende einen ebenso originären wie originellen Weg.

Fazit: Steve McLeans "Postcards from London" ist ein hochgradig stilisierter, ironisch-verspielter Mix aus Coming-of-Age-Drama und (schwuler) Kunstgeschichte. Schön anzusehen, unterhaltsam und lehrreich.




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