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Kritik: Die Schatten der Wüste (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der zweite gemeinsame Dokumentar-Langfilm von Jayakrishnan Subramanian und Franziska Schönenberger ("Amma und Appa") widmet sich dem Schicksal eines indischen Arbeitsmigranten, der in Dubai ums Leben kam. Es handelt sich um den Mann von Subramanians Kusine, die nun als Witwe in ihrem Dorf in der Provinz Tamil Nadu sozial im Abseits steht und nicht weiß, wie sie ihren beiden Kindern eine gute Schulbildung ermöglichen soll. Kusine Sundari ist überzeugt, dass ihr Mann Baskaran nicht Selbstmord beging, sondern von Kollegen oder von der Polizei ermordet wurde. Er soll Streit am Arbeitsplatz gehabt haben und dann festgenommen worden sein.

Subramanian fügt den Ermittlungen einen reichen Voice-Over-Kommentar bei, der lokale indische Traditionen erklärt und auch das, was er sich selbst zusammenreimen muss. Im Laufe der vielen Nachforschungen tauchen verschiedene Erklärungen auf, was mit Baskaran geschehen sein könnte. Manche Arbeiter sagen, wenn einer Geld habe, müsse er es gut vor neidischen Kollegen verstecken. Manche von Subramanians Gesprächspartnern haben einen Angehörigen oder Freund, der in den Golfstaaten umkam – allein zwischen 2005 und 2015 sollen mehr als 30.000 Inder in den Golfstaaten gestorben sein. Vielleicht hatte Baskaran Schulden, vielleicht ertrug er die Scham nicht, ohne Geld zurückzukehren. In Animationen skizziert Subramanian verschiedene denkbare Varianten der letzten Tage Baskarans. Das System der Ausbeutung und Rechtlosigkeit, in dem sich die indischen Migranten, angelockt vom Versprechen auf Reichtum, oft heillos verstricken, scheint auf erschütternde Weise auf.

Genauso bewegend aber mutet das Schicksal Sundaris an, die ihre Kinder in einer ablehnenden Umgebung aufziehen und auf einmal für sich selbst einstehen muss. Einer Witwe am Morgen zu begegnen, bedeutet für die Dorfbewohner Unglück – die düsteren Blicke der anderen entgehen Sundari nicht. Subramanian und Schönenberger tauchen in Indien in die kulturellen Traditionen ein, denen sich Mann und Frau beugen müssen und lassen sogar ein wenig alttamilische Liebespoesie in den Film einfließen. Das Ergebnis ist eine berührende, in der globalen Welt sehr aktuelle Geschichte von Tragik und Pflichtbewusstsein, von menschlicher Fehlbarkeit, systemischer Ungerechtigkeit, aber auch von Familiensinn und Zusammenhalt.

Fazit: Das Regiepaar Franziska Schönenberger und Jayakrishnan Subramanian versucht in diesem Dokumentarfilm herauszufinden, wie ein indischer Angehöriger des Filmemachers in Dubai ums Leben kam. Die Recherchen beleuchten nicht nur die schwierige bis rechtlose Situation der indischen Arbeitsmigranten in den Golfstaaten, sondern auch die soziale Ächtung, die Witwen vor allem in ländlichen Gegenden Indiens widerfährt. Der bewegende Dokumentarfilm befasst sich auf sensible, nachdenkliche Weise auch mit den kulturellen Traditionen der indischen Tamilen, die großen Einfluss auf das Familienleben und die soziale Rolle der einzelnen Menschen haben.




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