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Kritik: Goliath96 (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mit "Goliath96" legt der Drehbuchautor und Regisseur Marcus Richardt sein Spielfilmdebüt vor. Das Skript, das er gemeinsam mit Thomas Grabowsky verfasst hat, widmet sich einem Phänomen, für das es in Japan den Begriff "Hikikomori" gibt und das auch in Isabel Prahls Familiendrama "1000 Arten Regen zu beschreiben" thematisiert wurde: Ein junger Mann flieht vor der Welt und begibt sich in die völlige Isolation in seinem Zimmer. Richardt fokussiert sich dabei zunächst auf die Position der alleinerziehenden Mutter, die einst von ihrem Mann verlassen wurde und nun damit zurechtkommen muss, dass ihr Sohn seit zwei Jahren nicht mehr mit ihr spricht und nur nachts im Haus umherschleicht.

Dabei kann sich das Werk auf eine hingebungsvolle Hauptdarstellerin stützen: Katja Riemann spielt die schwierige Rolle mit großer Intensität; die Bemühungen, den äußeren Schein zu wahren und sich selbst mit der Situation zu arrangieren, werden von ihr ebenso nachvollziehbar dargeboten wie die zunehmende Überforderung. Wenn sich die Protagonistin Kristin dazu entschließt, anonym per Chat mit ihrem Sohn David in Kontakt zu treten, wird auch ihre Freude, endlich wieder eine Verbindung zu David aufzubauen, überzeugend vermittelt. An dieser Stelle erweitert der Film seine Perspektive – und zeigt uns auch die Sicht von David. Mehr und mehr entwickelt sich "Goliath96" zu einer Geschichte mit ödipalen Elementen, die auf eine Katastrophe zuzusteuern droht. Dabei verlässt er jedoch nicht den Pfad der Glaubwürdigkeit.

Der theatererfahrene Nils Rovira-Muñoz erweist sich in seinem Part als David als perfekte Besetzung; ferner steht mit Elisa Schlott ("Fremde Tochter"), Jasmin Tabatabai und David Wurawa ein guter Nebencast zur Verfügung. Visuell gelingt es Richardt und dessen Kameramann Wedigo von Schultzendorff, die verklärte Vergangenheit in idyllischen Strandbildern und die einsame Gegenwart in den Aufnahmen in der Wohnung spürbar zu kontrastieren.

Fazit: Ein Mutter-Sohn-Drama, das ganz vom intensiven Schauspiel von Katja Riemann und deren Co-Star Nils Rovira-Muñoz lebt.




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