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Kritik: Rey (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die Geschichte eines französischen Anwalts, der sich im 19. Jahrhundert zum König seines eigenen, mitten in der Wildnis gegründeten Staats krönt, hätte sich Regisseur und Drehbuchautor Niles Atallah gar nicht besser ausdenken können. Und doch ist diese schräge Story wahr, allerdings kaum belegt. Fast alle Quellen stammen aus Orélie-Antoine de Tounens' eigener Feder. "Unter Schichten von Mythen und Legenden begraben, gibt es gerade noch genügend konkrete Beweise für diesen Mann und sein Königreich, um zu verhindern, dass beide völlig in Vergessenheit geraten", hat Atallah in einem Regiestatement seine Faszination für diese Figur zum Ausdruck gebracht. Um den beinahe Vergessenen zu fassen und um all die Lücken in der Geschichte zu füllen, hat sich der Filmemacher eines experimentellen Ansatzes bedient.

Die Einteilung in Kapitel verleiht dem Drama einen Rest Struktur, bevor es sich zum Ende hin vollkommen auflöst. Dessen Figuren, Erzählweise und Inszenierung ähneln mehr denen eines Traums als denen eines klassischen Biopics. Zum Leben erwachte Vogelscheuchen und Menschen mit Tierköpfen bevölkern "Rey" ebenso wie mit Masken agierende Schauspieler, die Orélie-Antoine de Tounens' Gefängnisaufenthalt und die anschließende Gerichtsverhandlung der filmischen Welt entheben und auf die Theaterbühne überführen.

Diese klaren, deutlich als Studioaufnahmen erkennbaren Szenen stehen jenen in der freien Wildnis gefilmten, äußert grobkörnigen scharf kontrastierend gegenüber. Sebastian Jatz' auf einzeln angeschlagene Klaviertasten, Paukenschläge und Choräle setzende Musik, eine extrem in den Vordergrund geschobene Tonspur, auf der der Hauptdarsteller aus dem Off als Erzähler fungiert und unter das Filmmaterial gemischte Archivaufnahmen verstärken den Eindruck des Traumhaften. In Atallahs auf eine Handvoll Darsteller beschränktem Ensemble bildet Rodrigo Lisboa den Fixpunkt. In seinen besten Momenten gelingt es diesem, das Publikum mit einem einzigen, wilden Blick für sich einzunehmen. Atallahs Film wiederum gelingt es in seinen besten Momenten, die Sogwirkung eines Traums zu entwickeln.

Mit Tounens' erfolglos verlaufender Reise gleitet auch die Handlung zusehends ins Fragmentarische ab. Der wahre Clou dieses Films besteht jedoch darin, dass Atallah die historische Ungewissheit, die Unzuverlässigkeit seines Erzählers und das Verblassen der Erinnerung an ihn nicht nur erzählt, sondern auch auf sein Material überträgt. Der Regisseur hat das bei den Dreharbeiten verwendete Zelluloid vor einigen Jahren vergraben und in seinem fertigen Film das nunmehr korrodierte Material verwendet. Je länger "Rey" dauert, desto undurchsichtiger und unverständlicher wird das Gezeigte. Ein gewagtes, durchaus erfrischendes Experiment, das die Sehgewohnheiten des Publikums herausfordert, sich allerdings allzu schnell erschöpft. Trotz der kurzen Laufzeit gelingt es "Rey" nicht, die Sogwirkung bis zum Schluss aufrecht zu erhalten.

Fazit: "Rey" ist ein außergewöhnliches, mit seinem Filmmaterial experimentierendes Biopic, das die Sehgewohnheiten seines Publikums herausfordert. Regisseur und Drehbuchautor Niles Atallah gelingt es aber nicht, die traumhafte Sogwirkung seines Films bis zum Ende aufrechtzuerhalten.




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