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Kritik: Manaslu - Berg der Seelen (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Fast alle Filme über das Bergsteigen – egal ob fiktionale oder dokumentarische – haben drei Dinge gemeinsam: spektakuläre Bilder, die Jagd nach Rekorden und die Frage nach der Moral. "Manaslu" bildet da keine Ausnahme. Auch Regisseur Gerald Salmina, durch Dokumentarfilme und -serien wie "Mount St. Elias" (2009), "Streif: One Hell of a Ride" (2014) oder "Bergwelten" (2012-2016) mit extremen Leistungen in eisigen Höhen vertraut, versucht zu ergründen, was seinen Rekorde haltenden Protagonisten Hans Kammerlander antreibt. Auch Salminas jüngster Film liefert atemberaubende Panoramen. Dafür greift er erstmals zu einem neuen Mittel: Um Ereignisse zeigen zu können, von denen es keine Fotos gibt und bei denen keine Kamera dabei war, hat Salmina Szenen mit Schauspielern nachinszeniert.

"Manaslu" ist klar in zwei Teile geschieden. In der ersten Hälfte des etwas mehr als zweistündigen Films geht es um Kammerlanders Kindheit, den Weg vom Bauernjungen zum professionellen Bergführer, um den beruflichen Aufstieg und seinen privaten Fall. In den letzten rund 60 Minuten widmet sich Salmina dem Versuch, den titelgebenden Gipfel 2017 noch einmal in Angriff zu nehmen sowie der Tragödie, die sich dort 26 Jahre zuvor ereignet hat. Manche zeitlichen Abstände, etwa der zwischen Kammerlanders Rekord am Mount Everest 1996 und einem durch ihn verursachten tödlichen Autounfall 2013 sind groß und für das Publikum nicht immer ganz ersichtlich.

Als erzählerischer roter Faden dienen Kammerlanders Erinnerungen, die als Erzählstimme aus dem Off mal über die dokumentarischen, mal über die nachgestellten Szenen gelegt sind. Diese Mischung aus Dokumentarfilm und Reenactment funktioniert nur bedingt. Vor allem die Inszenierung der Kinder- und Jugendjahre auf der Alm erinnert mehr an eine bräsige TV-Produktion denn an kribbelndes Dokumentarkino. Viele Szenen am Berg, wenn Kammerlander beispielsweise während einer Tour mit Reinhold Messner in eine Gletscherspalte stürzt, sind indes spannend wie ein Thriller.

Auch Salminas Entscheidung, den Film beinahe gänzlich aus der Perspektive seines Protagonisten zu erzählen, hat Vor- und Nachteile. Kammerlander verpackt seine An- und Einsichten in tolle, druckreife Sätze. Dann sagt er Dinge wie: "Der Tod ist das leichteste von allen Übeln, die man erlebt" oder "Mit Sauerstoff auf einen Achttausender zu steigen, das ist ungefähr so, wie mit einem leichten Motorrad an einem Radrennen mitzufahren". Das wirkt echt, kernig, authentisch. Und doch spürt das Publikum, dass Kammerlander nicht alles preisgibt. Hinsichtlich seines Absturzes nach dem Erfolg bleibt (zu) vieles Andeutung. Bezüglich des tragischen Autounfalls bohrt nicht Salmina selbst, sondern sein Kollege Werner Herzog, der Kammerlander seit den 1980ern kennt, entscheidend nach.

"Manaslu" ist das Porträt eines Bergsteigers, der sich gewandelt hat. Heute jagt Hans Kammerlander nicht mehr leichtfertig jedem Rekord nach. Die zwei Achttausender, die ihm noch fehlen, sind nicht um jeden Preis sein Ziel. Als Vater einer jungen Tochter haben sich seine Prioritäten verschoben, trägt er nicht mehr nur für sich selbst Verantwortung. Auch das zeigt Gerald Salminas Film eindrücklich. Die spannenden Spielszenen gleichen dabei manche Schwäche des Dokumentarischen aus.

Fazit: "Manaslu – Berg der Seelen" ist das intime, aus der Sicht des Protagonisten erzählte Porträt eines Extrembergsteigers. Die Mischung aus Dokumentarfilm und nachinszenierten Szenen funktioniert nur bedingt. Dafür entschädigen atemberaubende Bergaufnahmen.




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