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Capernaum - Stadt der Hoffnung
Capernaum - Stadt der Hoffnung
© Alamode Film © Wild Bunch

Kritik: Capernaum - Stadt der Hoffnung (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Capernaum ist der Name eines biblischen Fischerdorfs am See Genezareth, in dem Jesus wohnte. Aber der Begriff bedeutet auch Unordnung und Chaos. Das Leben des jungen Filmhelden Zain ist ein einziges Chaos und das grimmige Sozialdrama gerät zur Anklage gegen eine Gesellschaft, die sich nicht um die Kinder aus den Armenvierteln kümmert. Die libanesische Regisseurin und Drehbuchautorin Nadine Labaki ("Caramel") bekam für diesen in Beirut angesiedelten Film, in dem Laiendarsteller Rollen spielen, die ihrer eigenen Realität ähneln, den Preis der Jury auf dem Filmfestival von Cannes 2018.

Zain käme nie auf die Idee, zu lächeln. Sein Gesicht ist das eines Erwachsenen, der sich ohne Illusionen und Freude durchbeißt. Er zieht eines Tages vor Gericht, um seine Eltern anzuklagen, weil sie ihn auf die Welt gebracht haben. Diese Rahmenhandlung dient zwischendurch als Gegenwartsanker in einer Geschichte, die die vorangegangenen Ereignisse aufblättert. Zains Eltern haben kein Geld, um ihren Kindern Papiere zu besorgen, sie vererben Gewalt, Vernachlässigung und Armut einfach weiter an die nächste Generation. Zain beginnt, sie zu verachten und sagt sich von ihnen los, und der Film benutzt ihn als Sprachrohr für seine Anklage gegen das Versagen solcher Eltern. Der traditionelle Kinderreichtum sozial schwacher Familien, die Zwangsverheiratung junger Mädchen, die Abwesenheit der Behörden, die Ausgrenzung von Menschen mit Migrationshintergrund sind Missstände, die Labaki thematisiert. Im Grunde erzählt sie zwei Geschichten, nämlich auch die Rahils, die von Abschiebung bedroht ist und ihr Baby versteckt.

Als Zuschauer fühlt man sich hin- und hergerissen bei der Einschätzung, inwiefern die erwachsenen Protagonisten menschlich versagen oder ihrerseits Opfer der Umstände sind. Wenn sich Zains Eltern selbst in der Rolle gesellschaftlicher Underdogs sehen, klingt das plausibel. Aber wenn der Film dann wieder zeigt, wie sie hausen und wie sie ihre Kinder behandeln, wird klar, dass der Film auch ihre Verrohung anprangert. Die Unsicherheit, wo nun das Versagen zu verorten ist, tut dem Drama nicht gut, denn der allgemein klagende Tonfall vernebelt den Blick. So aber gerät berechtigte Sozialkritik unnötig posenhaft oder gar emotional verkitscht.

Fazit: Nadine Labakis flammende filmische Anklage schildert am Beispiel eines zwölfjährigen Jungen das Schicksal der vielen Kinder in Beirut, die vernachlässigt und ohne Perspektive am Rande der Gesellschaft aufwachsen. Die Lieblosigkeit, die dem Jungen widerfährt, kontrastiert sie mit der Fürsorge einer afrikanischen Immigrantin ihrem Baby gegenüber. Das eindringliche, mit Laiendarstellern besetzte Drama legt den Finger in die Wunden gesellschaftlichen, aber auch individuellen Versagens. Die Stoßrichtung der Sozialkritik ist nicht immer eindeutig und so gerät das Anprangern der Unmenschlichkeit den Schwächsten gegenüber zuweilen plakativ.




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