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Kritik: Raus (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Thema treibt nicht nur junge Menschen um. Aussteigerliteratur füllt in den Buchhandlungen ganze Regalmeter, im Fernsehen erlangen Neuanfänger wie "Mallorca-Jens" regelmäßig (traurige) Berühmtheit und im Dokumentarfilm erfreuen sich waghalsige Weltreisende nach wie vor ungebrochener Beliebtheit. Jüngst trieb die Absage an unser kapitalistisches Gesellschaftssystem auch im Spielfilm bunte Blüten. In "100 Dinge" (2018) übten sich zwei hippe Start-up-Unternehmer im komödiantischen Konsumverzicht. Verglichen mit den Strapazen, die die Protagonisten in Philipp Hirschs Kinofilmdebüt auf sich nehmen, ist das alles ein Klacks.

Hirsch und sein Kodrehbuchautor Thomas Böltken tappen nicht in die Wohlfühlfalle. "Raus" ist kein verkitschtes Filmmärchen, irgendwo zwischen "Landlust", "Manufactum" und Bioladen. Schlauen Ratgebersprüchen, die das Leben gestresster Großstädter angeblich so viel lebenswerter machen, erteilen sie bereits in ihrer verdichteten Exposition eine schallende Ohrfeige. So einnehmend Matti Schmidt-Schaller Hauptfigur Glocke spielt, dieser Typ ist ein Lügner und gewiss nicht für jedermann als Identifikationsfigur geeignet. Auch die übrigen Charaktere haben ihre Päckchen zu tragen. Nach dem Aufbruch ins Ungewisse zeigt das Autorenduo schließlich, was "Zurück zur Natur" wirklich bedeutet.

Dabei überrascht das Drehbuch immer wieder mit einfallsreichen Wendungen, (gruppen-)dynamischen Entwicklungen und glaubhaften Figuren, die einem beim Zusehen schnell ans Herz wachsen. Erst gegen Ende, als die Handlung eine etwas zu grausame, an William Goldings Roman "Herr der Fliegen" (1954) erinnernde Volte schlägt, geht die Glaubwürdigkeit verloren. Das hervorragend aufspielende und von Hirsch toll angeleitete Nachwuchsensemble wetzt aber auch dieser erzählerische Scharte mühelos aus.

"Raus" ist ein mutiger Genremix: ein bisschen Aussteigerdrama, ein wenig Coming-of-Age-Abenteuer und jede Menge Roadmovie. Hirsch, der Kurzfilme und Musikvideos für Bands wie "Heaven Shall Burn" und "Secrets of the Moon" gedreht hat, hat viel von der Clip-Ästhetik auf sein Kinodebüt übertragen. Sinnliche Zeitlupenaufnahmen wechseln mit hastigen Verfolgungsjagden und dichten Weitwinkeleinstellungen, die den Protagonisten unglaublich nahekommen. "Raus" ist dynamisches, mitreißendes junges Kino. Eine ungestüme Mischung, die ihre Makel offen zur Schau stellt und trotzdem oder gerade deshalb begeistert.

Fazit: "Raus" ist mutiges deutsches Genrekino, das zwar nicht restlos überzeugt, aber durch tolle Nachwuchsdarsteller, ein kluges Drehbuch und mal sinnliche, mal dynamische Aufnahmen mitreißt. Ein wilder, nicht immer ganz stimmiger Mix, der sich trotz oder gerade wegen seiner Unstimmigkeiten stärker einprägt als viele glattgebügelte Produktionen.




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