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Kritik: Das letzte Mahl (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Starttermin und Titel sind bewusst gewählt. "Das letzte Mahl" läuft bereits einen Tag früher als üblich, am 30. Januar, in den Kinos an; an jenem Datum also, an dem die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen haben. Regisseur Florian Frerichs wirft in seinem Langfilmdebüt ein Schlaglicht auf einen entscheidenden Moment deutscher Geschichte, der bis heute nachwirkt. Der Blick zurück ist zugleich einer ins Hier und Jetzt und einer nach vorn.

Frerichs und sein Kodrehbuchautor Stephan Warnatsch haben das Schicksal einer jüdischen Familie zu einem politischen Kammerspiel verdichtet. Ohne es zu wissen, kommen deren Mitglieder für ihr gemeinsames Mahl auch ein letztes Mal zusammen. Jede der Figuren steht exemplarisch für eine andere Position. Die ideologischen Fronten sind verhärtet. Diese historische Versuchsanordnung mit Anklängen ans letzte Abendmahl ist gewagt, lässt sie ihre (Über-)Konstruiertheit doch jederzeit erkennen. Dennoch gelingen Frerichs und Warnatsch durch ihre spitzen Dialoge kluge Bezüge zu unserer Gegenwart – von Donald Trump bis zur AfD.

Die Kapitel des Dramas folgen der Speisenfolge. Scheint die Welt bei der klaren Hühnerbrühe mit Wurzelgemüse noch in Ordnung, liegt sie nach der roten Grütze mit Vanillesauce in Trümmern. Frerichs inszeniert all das sehr dicht und mit einem guten Gespür für sein Ensemble. Das ist umso erstaunlicher, als der Film völlig ohne Förderung finanziert wurde. Auch wenn nicht jeder auf dem gleichen Niveau agiert (Sandra von Ruffin und Bela B. Felsenheimer etwa sagen ihre Zeilen zuweilen mehr auf, als zu spielen) und der Film mitunter ein wenig zu sehr einem Theaterstück gleicht, gelingt Frerichs ein vielversprechendes Debüt.

Ruhig und besonnen, ohne erhobenen Zeigefinger erinnert "Das letzte Mahl" sein Publikum daran, sich nicht blind auf 70 Jahre Demokratie zu verlassen, im politischen Diskurs genau hinzuschauen und hinzuhören und geistige Brandstifter nicht leichtfertig als "Trommler", "Schreihälse" und "Witzfiguren" abzutun.

Fazit: "Das letzte Mahl" ist ein dicht inszeniertes, politisches Kammerspiel, das in die deutsche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft blickt. Florian Frerichs Langfilmdebüt ist nicht rundum gelungen, dennoch ein wichtiges, mahnendes Drama.




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