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Kritik: Ray & Liz (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Ray & Liz" basiert auf den Jugenderinnerungen des Künstlers, Fotografen und Filmemachers Richard Billingham, der 1996 mit seiner Fotosammlung "Ray's a Laug" für internationales Aufsehen sorgte. Die Bilder zeigten sein Leben und den Alltag mit seiner Familie. "Ray & Liz" ist Billinghams erster Spielfilm, nachdem er seit den 90er-Jahren vor allem Dokumentationen realisierte. Weltpremiere erlebte der Film im Sommer 2018 beim Filmfest in Locarno.

Verwahrlosung und Elend – in drei Episoden erzählt Billingham von seiner Jugend im "Black Country", gelegen in den Midlands bei Birmingham. Ein Ballungsgebiet, das bekannt ist für seine schäbigen Stadtviertel und die hohe Armutsrate. Man merkt dem Regisseur den dokumentarisch geprägten filmischen Hintergrund an, denn: "Ray & Liz" zeichnet sich von Beginn an durch ein hohes Maß Realismus und Unmittelbarkeit aus. Dank der authentischen (Innen-)Ausstattung mit all jenen detailgetreuen Requisiten aus den 70er- und 80er-Jahren, wirkt "Ray & Liz" stellenweise sogar wie eine Dokumentation.

Hinzu kommt, dass der Film exakt an dem Ort gedreht wurde, von dem er erzählt: nämlich in der Nachbarwohnung gegenüber jener, die die Familie einst bewohnte. In die Zeit zurückversetzt fühlt man sich zudem durch die vielen tollen Songs, die von (jugendlicher) Rebellion, Aufbruchsstimmung, aber auch von Resignation und Melancholie künden. Darunter Punk-Rock- und Pop-Klassiker von Bands wie Siouxsie & the Banshees, den Fine Young Cannibals und Musical Youth.

"Ray & Liz" zeigt radikale, teils schwer zu verdauliche Bilder einer dreckigen, heruntergekommenen Wohnung, die von einem kettenrauchenden Wrack (die Mutter) und einem dauerfluchenden Trinker (der Vater) bevölkert wird. Aber Billingham klagt mit "Ray & Liz" nicht seine Eltern an. Vielmehr geht es ihm darum, die frühere Thatcher-Regierung und deren restriktive Sozialpolitik zu kritisieren. Seit den späten 70er-Jahren sorgte das mehr und mehr privatkapitalistisch angelegte soziale System Englands dafür, dass sich die Armut weiter ausbreitete und Familien daran zugrunde gingen – gerade in den wirtschaftlich ohnehin schon schwächsten Regionen des Landes.

Fazit: Unaufgeregt, bedächtig und ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten des Zuschauers erzählt Richard Billingham von einer traumatischen Kindheit und Jugend im England während der Thatcher-Jahre. Der Film beruht auf wahren Begebenheiten und handelt von einem Leben am Rande der Gesellschaft, das hier nachdrücklich und unsentimental aufgearbeitet wird.




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