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Kritik: Carré 35 (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Warum starb Eric Caravacas Schwester im Alter von drei Jahren, warum sprachen die Eltern nicht über sie, sondern versuchten, sie zu vergessen? Die Spurensuche des französischen Dokumentarfilmer in der Geschichte der eigenen Familie gestaltet sich spannend und aufwühlend wie ein Krimi. Aber indem sie sich immer tiefer in das frühere Leben seiner Eltern hineinbohrt, wächst auch das Mitgefühl, das er für seine Mutter empfindet. Er beginnt ihr inneres Drama zu verstehen, ihre fatale, aber auch nachvollziehbare Entscheidung, einen Schlussstrich über die Vergangenheit zu ziehen.

Der bewegende Film hat den Mut zur Subjektivität, Caravaca bahnt sich mit einer eigenen Interpretation einen Weg durch all das Ungesagte. Dabei dient ihm die Analogie zwischen dem Verdrängen der Existenz der Schwester und dem kollektiven gesellschaftlichen Verdrängen der kolonialen Gewaltherrschaft Frankreichs in Marokko und Algerien als Hilfsmittel. Wie lebten die Eltern in diesen beiden Ländern, während die Unabhängigkeitsbestrebungen zum Teil grausam unterdrückt wurden? Alte Amateurfilme und Fotos aus dem Familienbesitz zeigen ein glückliches Hochzeitspaar, Picknicks und Ausflüge im Kreis von Freunden. Es war die Ära des Wegschauens. Caravaca verdeutlicht diesen Zwiespalt zwischen der Realität in den Straßen und dem Selbstverständnis der französischen Kolonialherren, indem er zu Archivfilmen über Gräueltaten und Kämpfe auf der Tonspur einen Propagandafilm aus einer Wochenschau laufen lässt, welcher die Aufbauleistung der Franzosen rühmt.

Aber auch in der Familiengeschichte der Mutter entdeckt Caravaca eine Kultur des Verdrängens und Verschweigens. Als die Mutter ein Mädchen war, wurde ihr der Tod der eigenen Mutter verheimlicht. Sie entwickelte den Glauben, sich neu erfinden zu können, ja noch mehr als das, das reale Geschehen durch eine andere Version überdecken, gar ersetzen zu können. Der Film befasst sich auch mit der damaligen Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderungen und intensiv mit dem ewigen Stachel des Todes, er lässt sich auf einen Prozess der Trauer ein. An diesem beeindruckt letztlich am stärksten die tiefe Zuneigung, die Caravaca für seine Mutter, trotz oder gerade wegen ihrer Fehlbarkeit, entwickelt.

Fazit: Der Dokumentarfilm des Franzosen Eric Caravaca betreibt eine zutiefst bewegende Spurensuche in der Geschichte der eigenen Familie. Er will herausfinden, warum im Elternhaus nicht über die früh verstorbene Schwester gesprochen wurde, warum es von ihr kein einziges Foto gibt. Auf intuitive Weise tastet sich Caravaca in eine ihm unbekannte Vergangenheit der Eltern im marokkanischen Casablanca vor und erkennt, dass auch sie von der französischen Kultur des Vergessens nach dem Ende der Kolonialzeit in Nordafrika beeinflusst waren. Caravaca leistet eine sehr nachdenkliche, berührende Trauerarbeit für sich und auch für seine Mutter, die gelingt, weil er nicht anklagen, sondern verstehen will.






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