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Kritik: Vakuum (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

So aufgeräumt wie das Haus des Architekten André (Robert Hunger-Bühler) und seiner Frau Meredith (Barbara Auer) wirkt auch deren Ehe. Bald 35 Jahre sind die beiden miteinander verheiratet und einander immer noch nicht müde. Morgens weckt er sie neckisch und färbt ihr liebevoll die Haare, bevor er ins Büro fährt. Abends sitzen sie bei einem Glas Wein im Wohnzimmer und scherzen. Nachts haben sie leidenschaftlichen, aber irritierend einseitigen Sex. Ein erster Verdacht schleicht sich ein, dass die großbürgerliche Fassade doch nicht so heil sein könnte. Dann bringt eine Diagnose alles ins Bröckeln.

Christine Repond ist nicht am großen Knall, sondern an den kleinen Zwischentönen interessiert. Ihr Drehbuch, das die Regisseurin gemeinsam mit Silvia Wolkan verfasst hat, setzt auf ruhige Momente, präzise Beobachtungen und eine beiläufige Figurenzeichnung. Als Meredith von ihrer Erkrankung erfährt, ist uns Zuschauern klar, dass nur André sie angesteckt haben kann, auch wenn sie das zunächst nicht wahrhaben will. Eine ungewöhnliche, aber menschliche Reaktion, die wir viel zu selten im Kino sehen, weil Filmdramaturgien allzu reflexartig auf Konfrontationskurs gehen. Der bleibt auch in "Vakuum" nicht aus, kommt aber erst nach einigen Umwegen und nimmt eine unerwartete Wendung. Derweil sehen wir einer Frau und ihrer Ehe beim Zersetzungsprozess zu.

Repond macht nachvollziehbar, warum Menschen eine langjährige Beziehung nicht einfach wegwerfen, egal, wie schlimm die Verletzungen auch sein mögen. Diese Glaubwürdigkeit setzt sich in einer dokumentarisch anmutenden Inszenierung fort, die uns auch jene Aspekte des Lebens zeigt, die andere Filme gern aussparen: Nacktheit und Körperlichkeit. Bei Repond wirken diese intensiven, von Barbara Auer beeindruckend gespielten Momente so, wie sie sein sollten: ganz natürlich. Auf Filmmusik verzichtet Repond ganz. Einzig die kühle, von Schwarz-, Weiß-, Grau- und Blautönen dominierte Farbgebung lässt eine Künstlichkeit erkennen, die die Emotionen der Figuren spiegelt.

"Vakuum" ist das Porträt einer verunsicherten Frau, die sich im Alter gezwungenermaßen noch einmal neu erfinden muss, daran wächst und an Stärke gewinnt. Im Umgang mit ihrer Krankheit und ihrer Ehe zeigt sie wahre Größe und emanzipiert sich so von ihrem Mann.

Fazit: Christine Reponds zweiter Spielfilm ist ein intensives, aber ruhiges, in kühlen Farben inszeniertes Drama, das weniger von seinen Schauwerten als von seinen Schauspielern lebt. Barbara Auer beeindruckt als betrogene und belogene Ehefrau, die ihre Luft zum Atmen wiederfinden muss.




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