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Heimat ist ein Ort aus Zeit
Heimat ist ein Ort aus Zeit
© Gmfilms

Kritik: Heimat ist ein Ort aus Zeit (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Dokumentarfilm von Thomas Heise ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich, aber die Geschichte seiner Familie, die er darin wiederaufleben lässt, steht exemplarisch für viele deutsche Biografien und Schicksale. Was den Schwarz-Weiß-Film ungewöhnlich macht, ist die Zeit, die sich Thomas Heise nimmt, um aus Briefen und anderen Schriftstücken in Voice-Over vorzulesen. So lernt man den Großvater Wilhelm Heise kennen, die Eltern Wolfgang und Rosemarie Heise und viele andere, die ihren Hoffnungen und Nöten Ausdruck verleihen.

Der Film dauert gut dreieinhalb Stunden. Man sieht Fotografien der Familienmitglieder, außerdem Landschaften, Züge, Aufnahmen an verschiedenen Schauplätzen aus jüngerer Zeit. Die vorgelesenen Dokumente entfalten in dieser Ruhe einen starken Sog. Das Vertiefen in die Lebenswelten der Protagonisten fällt umso leichter, als sie gute Briefe- oder Tagebuchschreiber sind, feine und genaue Beobachtungen in Worte fassen.

Mit angemessener Ausführlichkeit widmet sich der Film der Zeit des Nationalsozialismus. Wilhelm und Edith Heise erhalten in Berlin zunehmend verzweifelte Briefe von Ediths jüdischen Angehörigen in Wien. Sie müssen in kleinere Wohnungen ziehen, dürfen keinen Tabak kaufen, sie haben keine Kohle zum Heizen, dürfen die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr benutzen. Ediths Vater Max Hirschhorn geht nicht mehr viel aus, "kann mich an die linksseitige ‚Dekoration‘ nicht gewöhnen". Die Kamera fährt lange alphabetische Deportationslisten ab, auch die Namen der Briefeschreiber tauchen auf. Die bis zum Schluss von Hoffnung kündenden Briefe aus Wien stellen bewegende und bedeutsame Zeitdokumente dar. Auch aus der DDR-Epoche trägt Thomas Heise aussagekräftige Schriftstücke zusammen. Eines der vielsagendsten ist eine "Wohngebietsermittlung gegen Wolfgang Heise" von 1976, in der Stasi-Nachbarn beispielsweise notieren, dass das Licht in der Wohnung manchmal bis zum Morgen brennt.

Auch ein Tonbandgespräch von Wolfgang Heise mit Heiner Müller über Brecht und den Sozialismus erweist sich als wertvolles Dokument. Die vielen Briefe hingegen, die ein Verehrer in den 1950er Jahren an Thomas Heises Mutter schreibt, dehnen die Zeit ohne Grund. Die Wende und die 1990er Jahre werden dann erstaunlich knapp abgehandelt. Es lohnt sich, sich auf den Film einzulassen, weil es darin um menschlich erlebte Geschichte geht, die so auch für die heutigen Rezipienten erfahrbar wird.

Fazit: Der dreieinhalbstündige Dokumentarfilm von Thomas Heise besteht fast ausschließlich aus Briefen und Tagebucheinträgen verschiedener Generationen seiner Familie, die er aus dem Off vorliest. Zu sehen sind dazu Fotografien, sowie Landschafts- und Stadtimpressionen aus neuerer Zeit. Die Ruhe der filmischen Erzählung lässt die ausdrucksstarken Briefe und Notizen bewegend zur Geltung kommen. So entsteht ein streckenweise aufwühlendes und ergiebiges Stück erlebter Geschichte, das einen Bogen vom Nationalsozialismus über die DDR bis in die Gegenwart spannt.




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