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Kritik: Streik (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In Frankreich spielen die Gewerkschaften eine wichtige Rolle im Arbeitsleben, aber auch sie können die Auswüchse der kapitalistischen Globalisierung nicht verhindern. In Teilen der Bevölkerung hat sich viel Wut angestaut, über Arbeitslosigkeit oder hohe Lebenshaltungskosten, über die wirtschaftliche Vernachlässigung der Provinzen. Es wirkt fast, als hätte dieses politische Drama von Regisseur Stéphane Brizé ("Der Wert des Menschen"), das 2018 auf dem Filmfestival in Cannes Premiere feierte, eine Stimmung in der Gesellschaft erspürt, die ein Ventil sucht und es mittlerweile auch gefunden hat, wenn man an das plötzlich aufgetauchte Phänomen der Gelbwestenbewegung denkt.

In diesem Film aber geht es nicht allgemein um die Unzufriedenheit verschiedener Bürger, die sich von der Politik missachtet fühlen, sondern konkret um die Wut eines Arbeiterkollektivs, dessen Fabrik trotz hoher Gewinne geschlossen werden soll. Brizé macht sich diesen Zorn zu eigen – er prangert ein System an, in dem profitable Unternehmen einfach dichtmachen dürfen. Vincent Lindon, der in Cannes den Preis als bester Darsteller bekam, lässt seinen streitbaren Gewerkschafter Laurent Amédéo Klartext reden: Dem Konzern gehe es mit der Standortverlagerung ins Ausland doch nur darum, dass die Dividende der Aktionäre noch höher ausfalle.

Die Debatten, in denen sich Arbeitnehmer und Geschäftsleitung gegenübersitzen, sind nervenaufreibend. Und das nicht nur für die Arbeitnehmer, sondern auch für die Zuschauer. Brizé legt großen Wert auf Realismus, was zur Folge hat, dass die Diskussionen kontrovers, hitzig, zäh, alles andere als geradlinig verlaufen. Es bilden sich Lager, die Leute fallen sich ins Wort, Amédéo muss um die Gesprächskontrolle ringen. Dass Lindon von Laiendarstellern umgeben ist, erhöht den Eindruck von Authentizität.

Die Phasen des Protests, die Zermürbungsstrategie der Gegner, die Eskalation, der kurze Jubel um mühsam errungene Etappensiege, werden modellhaft aufgerollt. Die Geschichte ähnelt darin Pedro Pinhos Film "A Fábrica de Nada", der lose auf einem Experiment einer von Arbeitern weitergeführten Fabrik in Portugal basierte. Brizés Drama bietet keine Wohlfühlunterhaltung, aber es ist wichtig, weil es politisches Versagen und die fehlende Bereitschaft, die Wirtschaft zu regulieren, anprangert.

Fazit: Regisseur Stéphane Brizé und sein Hauptdarsteller Vincent Lindon geben in diesem aufreibenden Drama der Wut von Menschen eine Stimme, die ihren Arbeitsplatz verlieren, weil Unternehmen trotz guter Bilanzen einen Standort schließen. Der Kampf eines Gewerkschafters für die Weiterführung seiner Fabrik wird sehr realitätsnah geschildert mit den zähen Diskussionsrunden, den Emotionen, den Versuchen, die Zweifler in den eigenen Reihen zum Durchhalten zu bewegen. "Streik" ist kein Wohlfühlfilm, sondern ein engagierter Appell an Politik und Gesellschaft, den Kräften des globalen Marktes Zügel anzulegen.




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