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Der Funktionär
Der Funktionär
© Salzgeber & Co. Medien GmbH

Kritik: Der Funktionär (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Filmemacher Andreas Goldstein ("Adam & Evelyn") erinnert sich noch gut an die Zeit unmittelbar vor dem Mauerfall. "Dass der eigene Staat verschwinden wird, dachten wir nicht, wir kannten keinen anderen", sagt er in Voice-Over. Sein Vater Klaus Gysi hatte die Familie schon verlassen, als er 1973 DDR-Botschafter in Rom wurde. Für den Sohn symbolisiert er den Weg der Partei in eine Sackgasse schon lange vor dem Mauerfall. Dieser mit seinem nachdenklichen Kommentar unterlegte Rückblick auf die Karriere des Vaters in der DDR folgt eigenen Betrachtungen, Erinnerungen, Analysen. Das Ergebnis ist eine schonungslose, distanzierte und dennoch von Melancholie durchzogene Auseinandersetzung mit dem Scheitern des gelebten Sozialismus auch in Gestalt dieses Funktionärs.

Goldstein versetzt sich in die nicht selbst gekannte Aufbruchstimmung der frühen 1950er Jahre, als sich die Eltern verliebten und der neue Staat aufgebaut wurde. Auch seine Mutter gehörte der Partei an, sie überlebte das Ende der DDR nicht lange. Sie habe sich "aus der Geschichte geworfen" gefühlt, konstatiert der Sohn. Der Vater hingegen versteht es in einem TV-Interview von 1990 mit Günter Gaus, das sich in Ausschnitten über den Film verteilt, zur Enttäuschung des Sohnes, sich von der DDR zu distanzieren - "als habe er nicht dazugehört". Bereits einen Auftritt Gysis in einer Fernsehsendung von 1968 kommentiert der Sohn nun kühl: "Er doziert", "er verliert sich im Sprechen". Offenbar hatte Gysi oftmals keine klare Meinung oder traute sich nicht, konkreter zu werden. Aufschlussreich sind spätere Interview-Aussagen von ihm: Er habe die Ernennung zum Staatssekretär für Kirchenfragen "mit Fassung" hingenommen; die Partei habe stets für ihn entschieden, welches Amt er bekleiden sollte.

Goldstein thematisiert immer wieder sein eigenes Verhältnis zur Familiengeschichte und zur DDR. Viele Fotografien, die er als Jugendlicher machte, vom Elternhaus, von Plätzen, die verlassen wirken, finden Eingang in den Film. Sonst springen auf der Bildebene die Zeiten munter durcheinander, was aber nicht unruhig wirkt, sondern tastend, suchend, einordnend. Goldstein will nicht endgültig urteilen, sondern versucht vielmehr zu verstehen, den Vater und die Widersprüche im eigenen Kopf.

Fazit: Der Regisseur Andreas Goldstein zeichnet in diesem Dokumentarfilm ein politisches Porträt seines verstorbenen Vaters Klaus Gysi, eines Parteifunktionärs der DDR, der mehrere Jahre auch Kulturminister war. Dabei setzt er sich sehr kritisch mit der Arbeit und den Auffassungen des Vaters auseinander, in denen er die Stagnation und Ideenlosigkeit wiedererkennt, die in der DDR spätestens zwei Jahrzehnte nach der Gründung einsetzte. Zugleich analysiert der Autor seine eigenen Erinnerungen an die DDR, den Mauerfall und das Verschwinden des sozialistischen Staates. Das Ergebnis ist ein nachdenklicher, auch melancholischer Film, der verwundert Fragen stellt und die gefundenen Antworten nicht automatisch als befriedigend betrachtet.




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