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Kritik: Wintermärchen (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die drei Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds NSU ermordeten zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen, aber die Gruppe flog erst Ende 2011 auf. Bis dahin hatten die Ermittler die Täter eher im Umfeld der Opfer gesucht, die bis auf zwei Ausnahmen türkischstämmig waren. Die beiden männlichen Täter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hatten vor der polizeilichen Festnahme Selbstmord begangen, Beate Zschäpe wurde 2018 nach jahrelangem Prozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Der deutsche Regisseur Jan Bonny ("Gegenüber") hatte den NSU-Prozess in München besucht. Er imaginiert in seinem Spielfilm das Innenleben der Gruppe am Beispiel einer erfundenen, deren Charaktere Becky, Tommi und Maik keine bloßen Abbildungen der NSU-Mitglieder sind. Sie führen den Zuschauern vor, wie die Isolation, das Aufeinanderhocken im Untergrund, der Rausch der Illegalität und die pure Mordlust, aber auch die sexuelle Dreiecksbeziehung das Lebensgefühl in der Gruppe bestimmt. Und wie dieses Beckys, Tommis und Maiks mitgebrachte Probleme und Komplexe kaschieren soll.

Die Drei hassen Ausländer, sie haben Kontakte zu anderen Rechtsextremen, aber viel wird über ihren Hintergrund nicht verraten. Das ist nicht ganz unproblematisch, denn ihre Gesinnung wirkt irgendwie aus der Luft gegriffen, vorgeschoben. Im Mittelpunkt des Films stehen zwei Themen, die sehr intensiv und auch glaubhaft aufgerollt werden: die ständig wechselnde und damit die Gruppe in Atem haltende sexuelle Spannung. Das zweite Thema ist die impulsive Aggressivität, die in der Gruppe herrscht: Die Drei fallen schreiend übereinander her, lassen ihrer Wut freien Lauf, versuchen nicht einmal, sich zu zügeln – schließlich sind sie ja nicht mehr an die gesellschaftlichen Umgangsformen gebunden.

Seine verstörendsten und zugleich besonders authentisch wirkenden Momente hat der Film, wenn Maik nach einem Attentat im Fluchtauto jubelt, wie geil das gewesen sei und die anderen in seinen Rausch einstimmen. Ricarda Seifried gibt Becky eine ungeheure Präsenz und Aggressivität. Beinahe ebenso unberechenbar wirkt der dominante Maik, während Tommi den eher unsicheren Mitläufer gibt. Der Einsatz einer wackeligen Handkamera verstärkt den Eindruck, dass hier drei Leute ausflippen, weil sie sich den Frust über jegliche persönliche Schwierigkeit vom Leib schütteln wollen. Ein bisschen weniger Gezappel und Fahrigkeit hätte der Plausibilität der Charaktere ganz gutgetan.

Fazit: Regisseur Jan Bonny führt mit seinen fiktiven Filmcharakteren Becky, Tommi und Maik die wuchtige Beziehungsdynamik in einer dem NSU nachempfundenen Mördergruppe vor. Die rechtsextremen Täter schaukeln sich in ihrer Aggressivität, Eifersucht, sexuellen Anziehung gegenseitig hoch und berauschen sich an dem Gefühl der Wichtigkeit, das ihnen die Verbrechen vermitteln. Die unberechenbaren Charaktere werden nicht durchleuchtet, sondern nur schlaglichtartig betrachtet. Was sie antreibt, ist der rabiate Wunsch, ihre eigenen Grenzen zu verleugnen.




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