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All My Loving
All My Loving
© 24 Bilder © Port au Prince Pictures GmbH

Kritik: All My Loving (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mit "All My Loving" widmet sich der 1970 in Wolfsburg geborene Edward Berger ("Jack", "Deutschland 83") einem vermeintlich unspektakulären Thema: Er zeigt den Alltag von Menschen aus der bürgerlichen Mitte – und erzeugt Spannung aus der Beobachtung, mit welchen unterschiedlichen Strategien die Figuren versuchen, all die Herausforderungen dieses Alltags zu bewältigen. Als Vorbild diente Berger dabei das US-Independent-Kino mit Arbeiten wie Ang Lees "Der Eissturm" (1997) oder Lisa Cholodenkos "The Kids Are All Right" (2010).

Wie schon bei "Jack" schrieb Berger das Drehbuch gemeinsam mit Nele Mueller-Stöfen, die auch wieder zum Ensemble gehört. Das Werk, das auf der Berlinale 2019 in der Sektion Panorama seine Premiere feierte, erzählt von drei erwachsenen Geschwistern. Eingerahmt von einem Prolog und einem Epilog werden drei Episoden geschildert, in denen jeweils eine Person im Zentrum steht. So befasst sich der erste Abschnitt unter dem Titel "Das wird schon wieder" mit dem Piloten Stefan, der erfahren muss, dass er nicht mehr flugtauglich ist. Lars Eidinger ("Alle Anderen", "25 km/h") verkörpert diesen Mann, der sich ganz durch seinen Erfolg im Beruf und bei den Frauen definiert, mit der für ihn typischen Präsenz. Wenn Stefan in seiner Uniform nach sexuellen Abenteuern in Hotelbars sucht, droht das Geschehen ins Klischeehafte abzudriften; die komplizierte Beziehung zwischen Stefan und seiner adoleszenten Tochter Vicky wird indes überaus feinfühlig dargestellt. Auch in der zweiten Episode "Inglaterra, ein Traum" ist vor allem das Zwischenmenschliche reizvoll: Nele Mueller-Stöfen und Godehard Giese ("Im Sommer wohnt er unten") müssen sich als Ehepaar im Urlaub mit einer Krise auseinandersetzen, die auf eine gemeinsam erlebte und noch nicht verarbeitete Tragödie zurückgeht.

Die stärkste Episode ist wiederum die dritte: In "Alles, was er anfasst" spielt Hans Löw ("Hedi Schneider steckt fest", "In My Room") glaubhaft den dreifachen Familienvater Tobias, der sich darum bemüht, neben dem Haushalt und der Kinderbetreuung seine Diplomarbeit zu vollenden. Der kurze Einblick in Tobias' chaotischen Alltag wirkt authentisch – ebenso wie der Besuch im Elternhaus, bei dem sich Tobias nicht nur von seinem Vater anhören muss, er sei ein Versager, sondern auch schmerzlich erkennen muss, dass das alte Ehepaar allein kaum noch zurechtkommt. Sowohl die Dialoge als auch die Blicke und Gesten sind in dieser Passage rundum überzeugend.

Fazit: Ein sehr gut gespielter Film, der mit Empathie von den inneren und äußeren Konflikten in der Bewältigung des täglichen Lebens erzählt.




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