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Kritik: Brecht (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mit "Brecht" liefert der Drehbuchautor und Regisseur Heinrich Breloer ("Speer und er", "Buddenbrooks") eine 187-minütige Miniserie beziehungsweise "einen Film in zwei Teilen" über den titelgebenden deutschen Dichter Bertolt Brecht. Das Werk, das im Rahmen der 69. Berlinale seine Premiere feierte, ist – wie schon ein Großteil der früheren Arbeiten von Breloer – eine Mischform aus Spielszenen und dokumentarischem Material. In die fiktionalisierte Handlung werden alte Fotografien und Archivaufnahmen montiert – sowie Ausschnitte aus Interviews, die Breloer im Laufe der Jahre geführt hat. Dem Endergebnis ist die gründliche Recherche anzumerken; obendrein passt die angewandte Methode perfekt zu dem von Brecht entwickelten epischen Theater und dem darin zum Einsatz kommenden Verfremdungseffekt.

Wenn etwa die Annäherung zwischen Brecht und dessen Jugendliebe Paula Banholzer in romantischen Bildern gezeigt wird und Brecht dabei in einem recht heldenhaften Licht erscheint, wird dies geschickt durch kurze Passagen aus einem Interview mit der echten, älteren Paula Banholzer aufgebrochen, in denen diese amüsiert exklamiert: "Der lügt! Der lügt!" Es sei "viel dichterische Fantasie" in Brechts Schilderungen der Dinge, merkt Banholzer an – und lässt uns damit stets eine kritische Distanz zum Dargestellten einnehmen. Wenn der ältere Brecht wiederum äußert grobe Worte an die junge Theaterschauspielerin Regine Lutz richtet, wird auch hier die echte Regine Lutz in späteren Jahren dazwischengeschnitten – und sorgt mit ihrem Lachen dafür, dass Brechts damalige Machtposition als Regisseur unterminiert wird.

Im ersten Teil verkörpert Tom Schilling ("Oh Boy", "Werk ohne Autor") den jungen Brecht als selbstbewussten, aufstrebenden Literaten, der sich für ein Genie hält. Die Schulzeit und das Familienleben – mit dem verständnislosen Vater, der schwer kranken Mutter und dem Bruder, der in den Ersten Weltkrieg zieht – werden eingefangen; es wird deutlich, dass Brecht früh die Sinnlosigkeit des Krieges erkennt. Zudem widmet sich das Werk intensiv Brechts Beziehungen zu Frauen. Dabei agiert Schilling mit talentierten Co-Stars wie Mala Emde ("303") und Lou Strenger ("Das richtige Leben"). Auch wenn Burghart Klaußner ("Das weiße Band", "Der Staat gegen Fritz Bauer") den Titelpart im zweiten Teil übernimmt, ist Brechts Liebesleben von zentraler Bedeutung; und auch hier ist die Besetzung – darunter Adele Neuhauser (bekannt als Ermittlerin Bibi Fellner aus dem Wiener "Tatort") und Trine Dyrholm ("In einer besseren Welt") – sehr gelungen. Ebenso werden die politischen Umwälzungen der Zeit überzeugend erfasst – und es gibt interessante Einblicke in die Theaterproben.

Fazit: Ein durchweg gut gespieltes Doku-Drama, dessen Stilmittel sich optimal eignen, um den Werdegang des äußerst ambivalenten Dichters zu schildern.




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