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Hotel Jugoslavija
Hotel Jugoslavija
© dejavu filmverleih

Kritik: Hotel Jugoslavija (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Im Langfilmdebüt des Schweizers Nicolas Wagnières dient das Belgrader Hotel Jugoslavija als Mahnmal für den Wandel der Zeit. Es symbolisiert die sozialistische Aufbauära des gleichnamigen Staates und auch seinen Zerfall. Die kontemplative Spurensuche in den Räumen und Gängen des einstigen jugoslawischen Prestigebaus gilt dem verschwundenen Geist einer linksgerichteten Gesellschaft zwischen den Machtblöcken des Kalten Krieges. Dass der Filmtitel auch Assoziationen zum Rockklassiker "Hotel California" der Eagles aus dem Jahr 1976 weckt, ist gar nicht so verkehrt. Denn das Hotel Jugoslavija erscheint wie die perfekte Gebäudekulisse für einen kollektiven Traum, der sich als Trugschluss entpuppte.

Wagnières inspiziert das große Hotel langsam, tastend, forschend wie ein Museum. Sein reicher Off-Kommentar verortet die eigene Motivation zwischen der gesellschaftlichen und der familiären Geschichte – die Eltern standen offenbar der vom Präsidenten Josip Broz Tito vertretenen Idee des auf den Prinzipien "Brüderlichkeit und Einheit" gebauten Staates nahe. Archivmaterial zeigt, wie junge, von Patriotismus beseelte Menschen mit Schaufeln in der Hand nach dem Zweiten Weltkrieg halfen, eine Infrastruktur aufzubauen. Tito beschloss Mitte der 1960er Jahre, ein großes Staatshotel zu errichten, es sollte mit seinen 600 Zimmern und 1000 Betten das größte auf dem Balkan werden. Ein deutscher Werbefilm zur Eröffnung zeigt, dass hier auch Hummer serviert wurde – nicht das einfache Volk war Zielgruppe dieses Repräsentationsbaus, sondern Staatsmänner und andere Prominente aus aller Welt.

Wagnières findet im Hotel, in dem in den kriegerischen 1990er Jahren der Verbrecher Arkan ein Casino betrieb, altes Mobiliar, ordentlich in Lagerregalen aufbewahrte Gegenstände, Papiere, die in dunklen Kellerräumen auf dem Boden verstreut sind. Er befragt nur wenige ehemalige Angestellte, aber deren Erzählungen sind sehr aufschlussreich. Mehr als einer trauert dem Zusammenhalt im alten Jugoslawien nach. Mit seiner schmucklosen Architektur wirkt der breite, ausladende Block sehr unmodern – aber was bliebe denn vom Geist der Geschichte übrig ohne ein solches symbolisches Gebäude? Sein Zustand spiegelt im Moment noch die klaffende Lücke, die der Verfall der einstigen Ideologien im Selbstverständnis der Gesellschaft hinterlassen hat.

Fazit: Der kontemplative Dokumentarfilm vertieft sich in die wechselhafte Geschichte des Belgrader Hotels, das der frühere jugoslawische Staatschef Tito als sozialistischen Prestigebau errichten ließ. Der Schweizer Regisseur Nicolas Wagnières geht zugleich der Frage nach, ob die sozialistischen Ideale der Ära Tito für immer aus dem kollektiven Bewusstsein getilgt sind. Der auch durch den Zerfall Jugoslawiens bedingte gesellschaftliche Bruch mit der Vergangenheit spiegelt sich in der Dauerbaustelle des halbrenovierten Hotels, in dem die Spuren einer durchaus stolzen Ära weder beseitigt sind, noch Eingang in ein überzeugendes Konzept gefunden haben.




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