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A Young Man with High Potential
A Young Man with High Potential
© Forgotten Film Entertainment

Kritik: A Young Man with High Potential (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 1 / 5

Linus de Paoli hat großes Potenzial. Gemeinsam mit seiner Frau Anna und den Produktionen des Filmkollektivs "Schattenkante" ("Dr. Ketel", "Der Samurai") steht er für ein ausgefallenes und einfallsreiches Genrekino, das der deutsche Film dringend nötig hat. Auch sein jüngstes Werk ist ein im Grunde solider Genrebeitrag, der an vielen kleinen und an einer entscheidenden Stelle jedoch ganz gewaltig danebengeht.

Wo die Geschichte spielt, spielt keine Rolle. Mit einem internationalen Cast auf Englisch gedreht entführt der Regisseur sein Publikum in eine beliebige europäische Universitätsstadt. Menschen und Gebäude sind austauschbar. Die baugleichen Studentenappartements unterscheiden sich lediglich durch den individuellen Anstrich ihrer Bewohner. Piets (überzeugend: Adam Ild Rohweder) spärlich eingerichtete vier Wände sind vor allem funktional. Alles hat seinen Platz, Computermonitore dominieren. "Typisch Informatiker", schreit das Setting. Eine Couch legt sich Piet erst dann zu, als er für ein gemeinsames Projekt mit seiner Kommilitonin Klara (solide: Paulina Galazka) eine zweite Sitzgelegenheit braucht. Wie alles bestellt er auch das Möbel im Internet.

De Paolis Drehbuch nimmt sich viel Zeit, die Beziehung zwischen Piet und Klara aufzubauen. Über die üblichen Abziehbilder des menschenscheuen, sexuell frustrierten Informatikers und seines unbekümmerten Objekts der Begierde reichen die Rollen dennoch nicht hinaus. Immerhin beweisen die Szenen aber, dass selbst der kühle Kopfmensch Piet Gefühle und zudem eine ausgeprägte Ethik besitzt. Die insgesamt dürftige Figurenzeichnung ist durchaus zu verschmerzen. Bekanntermaßen kommt es bei einem Genrefilm mehr auf die Variation altvertrauter Muster und die schlüssige Verzahnung von Aktionen und Reaktionen als auf die Figurentiefe an. (Guten Genrevertretern gelingt freilich beides.) Doch schon hier holpert die Handlung mehrfach.

Los geht es mit Ermittlerin Ketura Stantz (unterfordert: Amanda Plummer). Ihre Figur ist ebenso überflüssig wie die Rahmenhandlung, in der sie auftritt. Ein umständliches Konstrukt, dessen einzige Funktion unschwer erkennbar darin besteht, dem größten Namen im Ensemble einen beschämend kurzen Leinwandauftritt zu gewähren. Und auch die Hauptfigur irritiert, ist schlicht nicht konsistent genug. Für einen angeblich hochintelligenten Informatiker stellt sich Piet nach seinem folgenschweren Fehltritt wiederholt ziemlich einfältig an. Der abrupte Schwenk zurück zum nüchternen, skrupellosen Kalkulierer läuft seiner Entwicklung im ersten Akt völlig zuwider.

Mit Piets Verbrechen steht und fällt letztlich der gesamte Film. Zunächst einmal nimmt man dem harmlosen Typen die drastisch vorgeführten Grausamkeiten nicht ab. Akzeptiert man sie, folgt das eigentliche Ärgernis. Manches mag zufällig, Klaras Tod im Affekt geschehen sein. Piets Vergewaltigung seiner betäubten Kommilitonin war seine freie Entscheidung. Indem de Paoli und sein Drehbuch die verhängnisvolle Nacht als Verkettung unglücklicher Umstände darstellen, die Entsorgung der Leiche durch makaberen Humor auflockern und Piet als netten Typen von nebenan mit all dem davonkommen lassen, machen sie mit dem Täter gemeinsame Sache. Was in anderen pechschwarzen Filmen funktioniert, scheitert hier krachend an der Widerwärtigkeit des Verbrechens. Als Kritik einer auf fiktiven Mord und Totschlag fixierten Konsumkultur taugt der Film ebenfalls nicht, bedient er deren Schaulust doch allzu perfekt.

De Paolis Bestandsaufnahme einer anonymisierten Gesellschaft, die sich mehr und mehr in virtuelle Welten flüchtet, mag in Ansätzen treffend sein. Sein gutes Auge für tolle Einstellungen ist unbestritten, ein Gespür für Timing, Spannung und Slapstick nicht von der Hand zu weisen. Es ist schade, dass der Filmemacher so zaudernd damit umgeht und angesichts des brisanten Themas jegliches Feingefühl vermissen lässt. "A Man with High Potential" wechselt beständig die Tonalität. Ein unausgegorener Stilmix, der weder als Thriller noch als Drama oder Gesellschaftssatire aufgeht.

Fazit: Linus de Paoli weist auch in "A Man with High Potential" sein Talent für den Genrefilm nach. Seine Geschichte um einen stillen Informatiker ist jedoch in mehrfacher Hinsicht missraten. Der Stilmix ist unausgegoren, voller Ungereimtheiten und Inkonsistenzen und geht weder als Thriller noch als Drama oder schwarze Komödie vollständig auf. Problematisch ist zudem, mit welcher Leichtfertigkeit sich der Film auf die Seite eines Vergewaltigers und Mörders schlägt.




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