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Christo - Walking on Water
Christo - Walking on Water
© Alamode Film

Kritik: Christo - Walking on Water (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Christos "Floating Piers" auf dem norditalienischen Lago d‘Iseo waren das bestbesuchte Kunstereignis des Jahres 2016. Die Nachrichtenbilder der Menschen, die auf den schwimmenden, sattgelb leuchtenden Pontons über der Wasserfläche flanierten, prägten sich Fernsehzuschauern auf der ganzen Welt ein. Der bulgarische Regisseur Andrey M. Paounov schildert, wie Christo die Organisation und die 16-tägige Lebenszeit der Installation gestaltet, durchleidet, genießt, meistert. Paunov verwendete zum größten Teil bereits gedrehtes Rohmaterial, auf dem Christo den ganzen Prozess festhalten ließ, oder das Touristen aufnahmen. In Paounovs Dokumentarfilm entsteht ein Porträt des Künstlers, das viel über sein organisches Kunstverständnis aussagt.

Christo lässt sich gerne in allen möglichen Situationen von einer Kamera begleiten, etwa wenn er einer Schulklasse erklärt, dass er echte Dinge möge, nicht "Virtual Reality". Oder wenn er später, bei der Verlegung der Pontons, wegen des sintflutartigen Regens schier verzweifelt. Die Planung kann noch so perfekt gewesen sein – die Realität funkt dazwischen, was von Christo zwar durchaus gewollt, aber auch gefürchtet ist. Wie von selbst durchzieht eine gewisse, sympathische Komik die Beobachtungen. Gerade im Detail, als Momentaufnahmen, wirken diese aussagekräftig. Sie zeigen einen Mann, der mitten im Leben steht und sich berühren lassen will.

Aber als sich kurz nach der Eröffnung herausstellt, dass zu viele Menschen die Installation betreten und die Behörden den Zustrom nicht kontrollieren, liegen bei Christo und seinem Projektleiter Vladimir Yavachev die Nerven blank. Vladimir muss sich sowieso schon um alles kümmern, um den dickköpfigen Künstler, der sich wenig sagen lässt, ein Pflaster braucht, gutes Zureden vor einem nervigen Promi-Empfang. Vladimir ist oft der Vermittler zwischen Christo und der Außenwelt, Puffer und Speerspitze.

Es verwundert weniger, wie ruppig dieser Vladimir mit Christo selbst sprechen darf, wenn man weiß, dass er sein Neffe ist. Im Dialog mit Vladimir zeigt sich am besten, dass Christo seine Kunst als Reibung an der Wirklichkeit versteht, als ein Ringen mit ihr. Umso stärker wird dann seine Genugtuung sichtbar, als er das eigene Projekt am Ende im Hubschrauber überfliegt und einfach nur entspannt betrachten kann.

Fazit: 16 Tage Magie auf dem Wasser des Lago d‘Iseo: Der Installationskünstler Christo begeisterte im Jahr 2016 über eine Million Besucher und zahllose Fernsehzuschauer mit seinen begehbaren schwimmenden Stegen. Mit ihrem leuchtenden Gelb spiegelten sie pure Lebensfreude. Der spannende Dokumentarfilm von Andrey Paounov blickt Christo bei der Organisation und Durchführung über die Schulter und beobachtet sein Ringen mit sich selbst, den unberechenbaren Naturgewalten, der Bürokratie. Christo führt als Protagonist selbst vor, wie sich seine Kunst von einer Idee in einen lebendigen Prozess verwandelt.




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