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Kritik: Die Maske (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Am Rande der polnischen Stadt Swiebodzin steht seit 2010 das größte Christus-Denkmal der Welt. Mit ihren 36 Metern Höhe überragt die Christus-König-Statue die berühmte steinerne Christusfigur von Rio de Janeiro um sechs Meter. Gleichzeitig aber sucht sie mit den ebenfalls weit ausgebreiteten Armen ganz klar die Nähe zum lateinamerikanischen Vorbild. Ihre Erbauer wollten offenbar dem Rest der Welt verkünden, dass sich der Blick beim Thema Katholizismus stärker nach Polen wenden müsse. Die polnische Regisseurin Malgorzata Szumowska ("Das bessere Leben") hat um die reale Existenz dieses Mega-Monuments eine bissige Satire über die polnische Gesellschaft zwischen Nationalismus und Konsumorientierung, Religiosität und Intoleranz gestrickt. Das Drama eines jungen Mannes, der mit seinem physischen Gesicht auch seine sozialen Bezüge im Mikrokosmos der Gemeinde weitgehend verliert, wurde auf der Berlinale 2018 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet.

Jacek liebt es, mit seinem Hund über die Felder zu laufen, in seinem kleinen Auto laut Heavy-Metal-Musik zu hören und von der großen Freiheit zu träumen. Er ist viel weniger angepasst als seine bäuerliche Familie und lacht mit seiner ebenfalls rebellischen Freundin gerne ein wenig über die Engstirnigkeit und Rückständigkeit rundum. Aber Jacek ist jemand, der sich gerne einbringt, er baut mit an der Riesenstatue. Er hängt an der Familie, in der der Schwager (Robert Talarczyk) beim Feiern rassistische Witze reißt. Doch erst als er mit seinem maskenhaften neuen Gesicht aus der Klinik kommt, erkennt er schmerzlich die Engstirnigkeit seiner Mitmenschen. Die Regisseurin begleitet Jaceks Drama mit sarkastischer Lust am sozialen Demaskieren. Die Leute sind berechnend, selbstgerecht, die Institution der Beichte wird von innen ausgehöhlt, wofür schon die merkwürdigen Ansichten des Pfarrers (Roman Gancarzcyk) sorgen. Die Krönung der Satire aber ist der herrlichen Schlusspointe vorbehalten, wenn es der Christusfigur selbst an den Kragen geht.

Die ruppige Rockmusik spiegelt den inneren Zwiespalt Jaceks ebenso wie die Bilder, in denen sich ländliche Eintönigkeit und subjektive Ausbruchsgesten oder -fantasien mischen. Besonders markant wirkt die surreale Intensivstation, auf der Jacek liegt und aus lauter Glaswänden auf die Wohnblocks der Stadt schaut – und sie auf ihn. Dieser kraftvolle, auch emotional stimmige Film hat viel zu sagen und findet dafür die richtige Sprache.

Fazit: Die Regisseurin Malgorzata Szumowska rechnet in dieser treffsicheren, bitterbösen Satire mit einem gewissen Hang zu Doppelmoral und dumpfen Vorurteilen in der polnischen Gesellschaft ab. Sie nimmt die weltgrößte Christusstatue, die seit 2010 in Polen steht, zum Anlass für ein fiktionales Drama über einen ihrer Erbauer, der nach einem Unfall das wahre Gesicht seiner Mitmenschen kennenlernt. Scheinheiligkeit und Egoismus treten zutage und führen den unterhaltsamen Beweis, dass die Dimensionen der Statue nichts über das Ausmaß der Nächstenliebe aussagen.




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