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Kritik: Oray (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der deutschtürkische Regisseur und Drehbuchautor Mehmet Akif Büyükatalay wuchs in Hagen auf, wo auch die Titelfigur des Films am Anfang der Geschichte lebt. "Oray" ist Büyükatalays Abschlussfilm an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Das Coming-of-Age-Drama schildert die Versuche eines jungen Muslim, im Glauben und in einer Gemeinschaft gleichgesinnter Männer Halt zu finden. Aber er ist auch immer wieder überfordert, zunächst von seinen Eheproblemen, dann von den Regeln dieser strengen Gemeinschaft. Oray muss lernen, eigene Entscheidungen zu treffen und mit Misserfolgen umzugehen. Dass der Protagonist einen Migrationshintergrund hat, macht seinen Prozess des Erwachsenwerdens viel schwieriger, denn er empfindet sich in der deutschen Gesellschaft als Außenseiter.

Im Grunde könnten Oray und Burcu ein ganz normales Paar sein, das Beziehungsprobleme hat. Doch hier sind die Dinge ein wenig komplizierter. Oray ist aufbrausend, er war im Gefängnis, er hat seinen Weg noch nicht gefunden. Burcu ist viel weniger religiös als er, und sie will auch nicht, dass ein Imam mit seiner Rechtsauslegung die Dinge für sie regelt. Es dauert eine Weile, bis dieses Paar begreift, dass es sich auseinanderlebt, obwohl die Liebe immer noch da ist. In Köln wird Oray Teil einer religiösen Gemeinschaft, in der gebetet, gepredigt, gemeinsam gefeiert wird. Über diese neuen Glaubensbrüder findet Oray eine Unterkunft. Er holt einen Jugendlichen in die Gemeinschaft, dessen Mentor er wird und dem er auch in der Not beisteht. Dann aber merkt Oray, dass er nicht stark genug ist, um all seine Probleme auf gottgefällige Weise zu schultern. Seine alten, schlechten Gewohnheiten kommen wieder zum Vorschein.

Mit Jungschauspielern und Laien gedreht, wirkt der Film sehr realitätsnah. Seine Milieuschilderung überzeugt, vor allem weil der Zusammenhalt so gut gezeigt wird, den die jungen Männer in der religiösen Gruppe erfahren. Sie mag zwar konservativ sein, ist aber deswegen nicht gleich islamistisch. Die Männer unterstützen sich gegenseitig, sie bieten sich eine Art Familienverband, der sie vor der Isolation und kulturellen Entfremdung bewahrt. Man merkt es dem spannenden Film an, dass er von einem kulturellen Insider gedreht wurde, der die Lebenswelten junger Muslime mit Migrationshintergrund differenziert betrachtet.

Fazit: Das vom deutschtürkischen Regisseur Mehmet Akif Büyükatalay inszenierte Drama vertieft sich in die Lebenswelt eines jungen Muslims, der in einer religiösen Männergemeinschaft in Köln Gleichgesinnte und Freunde findet. Er wird dort aber auch mit den strengen Konsequenzen islamischer Gebote konfrontiert, die ihn überfordern. Sein prekäres Schwanken zwischen Haltlosigkeit, Sehnsucht nach Geborgenheit, guten Absichten und Fehlbarkeit wird realitätsnah und mit psychologischem Gespür geschildert. Interessant ist der Film auch, weil er zeigt, wie stark das Bedürfnis vieler junger muslimischer Männer mit Migrationshintergrund in Deutschland nach einer Wertegemeinschaft ist.




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