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Ich war zuhause, aber...
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© Piffl Medien

Kritik: Ich war zuhause, aber... (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Filme der Regisseurin Angela Schanelec ("Der traumhafte Weg") bewegen sich nicht im Fahrwasser durchschnittlicher Kinounterhaltung. Es kann dauern, bis man sich in den rätselhaften Geschichten, ihrem Reigen ruhiger oder beiläufiger, oft auch wortkarger Szenen zurechtfindet. Auch in diesem Film, der den Silbernen Bären für die beste Regie auf der Berlinale 2019 gewann, dauert es, bis das erste Wort fällt, und erst recht, bis die Tragödie benannt wird, die über dieser Dreierfamilie mit Mutter und zwei Kindern lastet. Der Vater ist vor zwei Jahren gestorben.

Astrid, die Mutter und Hauptperson der Geschichte, kommt emotional an ihre Grenzen. Der Tod, der Verlust, die menschliche Isolation, wie soll es da noch ein Miteinander geben? Aber ob die Zuschauer das Geschehen so oder anders interpretieren, bleibt ihnen überlassen. Jeder ist in dieser Geschichte mit sich allein und vermisst dabei den anderen, vor allem aber wird allen schmerzlich bewusst, wie wenig sie von ihren Nächsten gehört, gesehen, gehalten werden.

Am Anfang und später wieder nimmt die Kamera einen Hund und einen Esel irgendwo draußen in einem verlassenen Haus ins Visier. Sie bilden eine stumme Zweckgemeinschaft des Geborgenseins. Astrid und die anderen Menschen in der Stadt schauen oft wie Bühnencharaktere in die Ferne, die Beschäftigung mit eigenen Gedanken, aber auch Warten signalisiert. Ein interessantes Nebenfiguren-Pärchen spielen Franz Rogowski und Lilith Stangenberg. Ihre Charaktere werden sich über das Kinderkriegen, die Liebe, den Sinn der eigenen Existenz nicht einig.

Schanelec setzt sich auch mit dem Wesen des Schauspiels auseinander. Wie viel Wahrheit kann in darstellerischer Absicht abgebildet werden? Phillip helfen die "Hamlet"-Proben offenbar, sich mit der eigenen Not auseinanderzusetzen. Astrid hingegen schleudert einem Filmregisseur in einem ergreifenden Monolog ihre Wut auf das Schauspiel, das Gestellte entgegen und schließlich auf die eigene Einkapselung.
Der philosophische Anspruch des Films paart sich auch mit Szenen, wie jene über einen missglückten Fahrradkauf, die zu banal für eine Deutung wirken können. Die Eigenwilligkeit der Inszenierung und die Verschlossenheit der Figuren zwingen das Publikum, genauer, wohlwollender als sonst hinzuschauen. Dafür wird es mit dem Gefühl belohnt, allmählich mitgehen zu können, und mit einem großartigen Finale draußen im Grünen, bei Mutter Natur.

Fazit: Die Regisseurin Angela Schanelec fordert das Publikum mit diesem sperrig-rätselhaften Drama über Verlusterfahrung und die Grenzen des Dialogs. Eine verwitwete Frau und Mutter zweier Kinder verheddert sich in den Widersprüchen der menschlichen Existenz, leidet unter dem Gefühl der Unsicherheit und des Alleinseins. Das Schauspiel und die Inszenierung wirken theatralisch-verkopft und befassen sich dennoch auch mit beiläufigen Momenten des Alltags. Wer sich geduldig auf scheinbar Unzusammenhängendes einlässt, wird mit spontanen Entdeckungen philosophischer Natur belohnt.




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