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Bildbuch
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© Grandfilm / CasaAzulFilms-EcranNoir

Kritik: Bildbuch (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Im Alter von 87 Jahren brachte der französische Regisseur Jean-Luc Godard 2018 diesen Film heraus. Er feierte seine Premiere auf den Filmfestspielen in Cannes, wo er eine Goldene Palme in Form eines eigens für dieses Werk geschaffenen Spezialpreises erhielt. Der einstige Filmemacher der Nouvelle Vague befasst sich in seinem Spätwerk gerne mit dem Kino und seinen Produkten an sich. Er stellt Reflexionen zum Wesen der europäisch geprägten Kultur und zum zerstörerischen Wirken des Menschen an, wie es in filmischen Werken dokumentiert oder interpretiert wurde.

In diesem Film unterlegt er die zusammengeschnittenen und zum Teil verfremdeten Schnipsel aus verschiedenen Epochen gelegentlich mit Musik oder mit einem selbst eingesprochenen Kommentar. Sogar eine deutsche Fassung hat Godard beigesteuert. Wie die Bilder, haben auch die Worte einen assoziativen Charakter, gleichen einem Brainstorming. Der Kommentar greift Gedanken und Konzepte verschiedener Schriftsteller und Philosophen auf, wie Montesquieu, Alexandre Dumas, Malraux, Balzac. Die Bilder stammen oft aus Filmen von früher, die zum Teil längst in Vergessenheit geraten sind, aus Klassikern und neueren Werken wie "Timbuktu", sowie aus dokumentarischen Beiträgen. Zuschauer, die auf dem Gebiet der Filmkunst und der Kulturgeschichte bewandert sind, werden diese Fundgrube gedanklicher Experimente, Querverbindungen und die Eindrücke, die aus wiederkehrenden Motiven entstehen, sicherlich zu schätzen wissen. Alle anderen sind auf individuelles Rätselraten angewiesen.

Oft sind die entstehenden Eindrücke recht pessimistisch. Die Menschen belügen sich in der Liebe, sie sind gierig, streben nach Macht, zetteln Kriege an, zerstören die Umwelt, beuten die Ressourcen der Erde aus. Aber sie sind auch neugierig, lesen Bücher. Godard verfremdet die Filmschnipsel, färbt das Meer pink, verwendet oft grelle Farben, legt zwei verschiedene Filme übereinander. So ähnlich könnte auch der Bilderstrom im eigenen Kopf aussehen, der ständige Gedankenfluss, der sich aus Gefühlen, aus Wissen, aus gewonnenen Eindrücken bildet. Die Kunst bestimmt mit, was als wertvoll erachtet wird und wie die Realität zu beurteilen ist. Aber so sehr sich die Menschen im Laufe der Jahrhunderte auch gebildet haben, der Neigung zur Gewalt sind sie leider nicht entkommen.

Fazit: Jean-Luc Godard kommentiert mit philosophisch oder poetisch anmutenden Texten einen Bilderreigen, der aus Filmschnipseln verschiedener Epochen besteht. Was interessiert die Menschen des westlichen Kulturkreises, wie ist ihr Verhältnis zur arabischen Welt? Die anregenden Bild- und Textassoziationen kreisen um die Liebe, die Lüge, die Revolution, den Krieg, die Zerstörung, die Sehnsucht nach Schönheit und dem Unbekannten. Die Zusammenstellung und Verfremdung der Bilder, aber auch die Kommentare drücken im Gesamteindruck so etwas wie Bedauern aus über das begrenzte Begriffs- und Handlungsrepertoire des Menschen, seine Neigung zum Scheitern an sich selbst.




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