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Eine moralische Entscheidung
Eine moralische Entscheidung
© farbfilm verleih

Kritik: Eine moralische Entscheidung (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Trotz strenger Reglementierungen floriert das iranische Kino. Neben dem 2016 verstorbenen Abbas Kiarostami sind Jafar Panahi und Asghar Farhadi derzeit seine bekanntesten Vertreter. Ein Regisseur wie Panahi ("Taxi Teheran", "Drei Gesichter") dreht mittlerweile heimlich und schmuggelt seine Filme anschließend aus dem Land, um die Zensur zu umgehen. Er selbst fehlt auf internationaler Bühne. Panahi steht unter Berufsverbot und darf den Iran nicht verlassen. Farhadi ("Nader und Simin – eine Trennung", "The Salesman") erzählt stets geschickt zwischen den Zeilen. Seine Gesellschaftskritik ist versteckter und auch in seinem Heimatland zu sehen. Mit Vahid Jalilvand erhält das ohnehin schon stimmgewaltige iranische Kino eine weitere kräftige Klangfarbe. Auch bei Jalilvand muss das Publikum ganz genau hinschauen.

Der 1976 geborene Theater- und Fernsehregisseur kam spät zum Kino. Er debütierte 2015 mit "Wednesday, May 9". Das Drama über einen Philanthropen, dessen gut gemeinte Spende fatale Folgen nach sich zieht, wurde unter anderem bei den Filmfestspielen von Venedig ausgezeichnet. Dort lief 2017 auch "Eine moralische Entscheidung", ebenfalls preisgekrönt. In der Sektion "Orizzonti" erhielten Jalilvand als bester Regisseur und Navid Mohammadzadeh, der den verzweifelten Vater Moosa spielt, als bester Darsteller einen Löwen. In seinem zweiten abendfüllenden Spielfilm hat sich Jalilvand viel von Farhadi und Panahi abgeschaut; von Letzterem die intensiven Autofahrten, von Erstgenanntem die verschachtelte Handlung und das moralische Dilemma.

Für dieses Dilemma ist eine einzige Unaufmerksamkeit verantwortlich. Als der Gerichtsmediziner Kaveh Nariman (Amir Aghaee) in seinem Wagen von einem anderen geschnitten wird und ausweicht, rammt er eine vierköpfige Familie vom Motorrad. Es folgt eine dicht inszenierte Kaskade falscher Entscheidungen, die sich minutiös zur unausweichlichen Tragödie steigert. Ein Grund dafür ist die Verschwiegenheit der Figuren. In einer Gesellschaft, deren Mitglieder nicht alles offen aussprechen, kommt die Wahrheit erst nach und nach zur Sprache. Jalilvands Drama ist ein mitreißend gespieltes und in seiner formalen Zurückhaltung ungemein klug inszeniertes Puzzle, dessen Teile sich ganz gemächlich zusammenfügen.

Vordergründig geht es um die Frage nach Schuld und Sühne. Dazwischen erzählt "Eine moralische Entscheidung" viel über das Verhältnis von Bürgern zu ihrem Staat, über das Verhältnis von Frauen und Männern, über Frauen- und Männerbilder, über Ehre, Gewissen, Moral und Klassenunterschiede. Ein stiller Film, in dem das Unausgesprochene umso lauter nachhallt.

Fazit: Vahid Jalilvands zweiter abendfüllender Spielfilm ist ein leises, klug inszeniertes und intensiv gespieltes Drama über Schuld und Moral, das zwischen den Zeilen auf einnehmend zurückhaltende Weise von Machtverhältnissen und Klassenunterschieden erzählt.




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